Hymnisch pries Renato Ruggiero das Internet als Symbol einer grenzenlosen Wirtschaft. Bei vielen Dienstleistungen, so prophezeite der Generaldirektor der Welthandelsorganisation vor der Internationalen Industriekonferenz, werde die Geographie schon bald keine Rolle mehr spielen.

Zu den Dienstleistungen, die über Internet und Online-Provider grenzenlos angeboten werden, gehört leider die Kinderpornographie. Die Photos, Disketten und CD-ROMs mißbrauchter und vergewaltigter Kleinkinder, mit denen eine in Holland aufgeflogene Bande ihr bestialisches Geschäft betrieb, haben das vor Augen geführt. Die Schockwelle von der niederländischen Küste erschüttert nicht zuletzt Deutschland, wo die Polizei im Tagesdurchschnitt 49 Fälle von Kindesmißbrauch registriert. Diese infernalische Art von Kinderarbeit soll nun mit "internationalen Konsequenzen" eingedämmt werden, verspricht Helmut Kohl. Der einzelne Staat fühlt sich ohnmächtig wie gegenüber Kapitalflucht und Spekulationsgeldern, die in Sekundenschnelle um die Welt bewegt werden.

Doch ist deshalb das Internet selbst schon ein "pädophiler Supermarkt", wie es jüngst ein Berichterstatter vor dem amerikanischen Kongreß formuliert hat? Knabenliebe, Orgien, Sadismus sind so alt wie die Menschheit selbst. Pornographische Darstellungen haben fast alle Hochkulturen begleitet. Und die Ware aus den heutigen Kinderkatalogen wird über das Internet bisher noch weniger gekauft als vielmehr über E-Mail und chat rooms getauscht. "Letztlich", so eine angesehene deutsche Zeitung, "verleiht das elektronische Medium der Kinderpornographie keine neue Qualität."

Ganz so einfach ist es nicht. Und das extreme Beispiel der Kinderschänder, die dank der Computertechnik einen großen Vorsprung gegenüber der Strafverfolgung errungen haben, weist zugleich über die Pornographie hinaus. Die Kinder werden für einen immer schranken- und bedenkenloser werdenden Kommerz mißbraucht.

Die sexuelle Schändung vollzog sich früher hinter den Gardinen von Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft und in der angrenzenden pädagogischen Erosszene pädophiler Priester, Lehrer und Jugendleiter. Um diesen harten Kern lag die Grauzone jener Voyeure, denen die soziale Kontrolle das Betreten der Sexshops und der Kinderpornowelt verwehrte.

Im globalen Dorf sinkt die Schamgrenze der Kundschaft

Im globalen Dorf senkt die leichte Verfügbarkeit und die Anonymität der Netzwerke die Schamgrenze der Kundschaft. Pornoproduzenten überbieten immer skrupelloser das tägliche Gewaltangebot und den maschinellen Dauersex des Privatfernsehens. Mit primitivsten Tabubrüchen, mit dem Nonplusultra abnormer Darstellungen auf Kosten leidender Kinder jagen sie dem Geld von ungezählten, gleichzeitig erreichbaren Interessenten nach. So wächst der Kreis der Kunden mit gestörter Sexualität. Die pädophile Lust wird durch die Bilderflut zu Omnipotenz-Phantasien aufgeputscht, die sich an Wehrlosen abreagieren, Jungen und Mädchen.

Der Hölle des Baby-Strichs steht das vermeintliche Paradies des Baby-Schirms gegenüber. Ein großer Autokonzern mietete für seinen Werbespot einen Kreißsaal voller Säuglinge, um über die neuen Erdenbürger zu verkünden: "Wir haben verstanden".

Natürlich wäre es lebensfremd, nicht zu verstehen, daß Kinder heute viel schneller in die Rolle der Konsumenten hineinwachsen als alle Generationen vor ihnen. Natürlich würde zum Prediger in der Wüste, wer grundsätzlich gegen den Kommerz wetterte. Worum es schlicht geht, hat ein Sprecher der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen auf den Punkt gebracht: "Die deutschen Politiker sind nicht gerade scharf darauf, Gesetze zum Kinderschutz zu machen. So was gilt als Wachstumshemmnis."

Die grenzenlose Vermarktung der Kinder bestätigt eine Entwicklung, auf die der Amerikaner Neil Postman schon früh hingewiesen hat. Mit diesem Jahrhundert geht auch die Kindheit zu Ende - die Kindheit als gesondert abgegrenzte Lebensphase. Bis weit über das Mittelalter hinaus waren die Kinder kleine Erwachsene gewesen, mit gleicher Kleidung, Arbeit, Anforderung und Erlebniswelt. Erst das aufkommende Bürgertum schuf in Europa den Schonraum Kindheit für eine von äußeren Gefahren abgeschirmte Persönlichkeitsentwicklung. Auch in dieser Schutzzone gab es genug Unterdrückung und Mißbrauch. Doch sie hat Europas Kultur und Denken entscheidend mitgeprägt.

Die Medienwelt hat diesen Raum nachhaltig zerstört. Selbst die klassischen Kinderkrankheiten weichen inzwischen den Streßsymptomen der Erwachsenen in frühestem Alter, wie der Sozial- und Gesundheitsforscher Klaus Hurrelmann aufgezeigt hat. Zugleich nimmt das Schutzdenken der Erwachsenen gegenüber den Kindern rapide ab, betont der Lübecker Kindertherapeut Helmut Inhülsen.

Es gibt kein Zurück in die Gartenlaube. Um so ernster müßte die UN-Konvention über die Rechte der Kinder genommen werden. Das aber ist nicht der Fall. Kinder sind begehrte Objekte, haben aber keine Lobby und keine Wählerstimmen. Die verspätete Fertigstellung des 10. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung ist dafür symptomatisch - ebenso wie die Tatsache, daß angesichts leerer Kassen immer wieder an der Kinder- und Jugend- hilfe gespart worden ist. Nicht zuletzt an der Ausbildung und Ausrüstung von Kriminalbeamten für das Aufspüren von Kinderporno-Anbietern im Internet.

Nach der Schockwelle aus Holland rufen die Wahlkämpfer hierzulande nach "härtesten Mitteln" gegen die Täter. Hilfreicher wäre es, wenn endlich genügend Mittel lockergemacht würden, um den Kindern wenigstens einen Teil ihrer Kindheit zu bewahren - und sie zu besseren Erwachsenen zu machen.