Also gut. Dolly war kein Zufall, keine Verwechslung, kein seltener Glücksgriff. Ausgewachsene Säugetiere lassen sich klonen. Nicht nur Schafe und Rinder, sondern auch Labormäuse. Ernsthaft gibt es damit keinen Zweifel mehr, daß die Technik funktioniert. Nicht sehr gut, auch weiß man nicht recht, wie, aber das macht die Sache um so attraktiver.

Wird es jetzt Versuche geben, Menschen zu klonen? Die Frage ist naiv. Selbstverständlich. Schon die bloße Idee ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Wie sollte sich die Realisierung verhindern lassen, ausgerechnet dann, wenn sie in absehbare Nähe rückt? Wer soll das Verbot durchsetzen? Bill Clinton? Die Uno? Die Unesco? Die Wahrheit ist, daß wir irgendwann den ersten Menschenklon, sagen wir: Adam aus der Rippe Adams begrüßen werden. Wann es soweit ist? Keiner weiß es. Aber sechshundert Jahre, wie im Vorwort zur ersten Auflage von Huxleys "Schöne neue Welt" prophezeit, wird es nicht mehr dauern.

Die Richtung, in der die Reproduktionsmedizin voranschreitet, ist eindeutig: jeden Kinderwunsch zu erfüllen, koste es, was es wolle. Wenn es mit dem Eisprung nicht klappt, hilft die Hormonspritze. Liegt die Ursache beim Mann, findet sich vielleicht doch noch ein Spermium, und sei es nur ein einziges. Sogar klinisch tote Mütter läßt man Kinder austragen - 1992 (erfolglos) in Erlangen. Sogar klinisch toten Männern entnimmt man Samen, friert ihn ein, taut ihn bei Bedarf wieder auf - vergangene Woche (erfolgreich) in Los Angeles. Und wenn auch das nichts fruchtet? Dann liegt es auf der Hand, nach anderen vermehrungstauglichen Körperzellen zu fahnden. Der Klon als Ultima ratio eines Fortpflanzungsdranges um jeden Preis.

Es braucht zum Klonen keinen Adolf Hitler und keinen Doktor Mabuse. Bloß den ganz normalen Kinderwunsch einer größeren Anzahl ganz normaler Paare. Dem könne sich, glaubt der amerikanische Molekularbiologe Lee Silver, keine Regierung der Welt auf Dauer widersetzen. Zumal nicht in Zeiten, in denen der Markt regiert. Allein in den USA wird die Zahl der ungewollt Kinderlosen auf drei Millionen geschätzt. Wenn auch nur ein halbes Prozent von ihnen willens und in der Lage ist, sich ein Klonkind zu leisten, käme das Geld für entsprechende Forschungsprogramme schnell zusammen. In fünf Jahren, schätzt Silver, wäre die Methode beim Menschen anwendungsreif.

Soll die Kopie so fehlerhaft bleiben wie das Original?

Was würde passieren? Künftige Kloneltern müßten sich zunächst einmal darüber einig werden, ob das Kind ganz der Vater oder ganz die Mutter werden soll. Aber damit ist das Problem noch nicht ausgestanden. Wenn das medizinisch-gesellschaftliche Umfeld erst da ist, in dem Klonen allgemein akzeptiert wäre, ist es schwer vorstellbar, ohne das heute bereits vorhandene Werkzeug der Präimplantationsdiagnostik auszukommen. Das heißt, schon vor seiner Verpflanzung in die Gebärmutter wird ein Embryo auf mögliche Erbschäden untersucht. Die meisten Chromosomenabweichungen sowie einige hundert seltene Erbkrankheiten lassen sich heute mit gängigen Gentests feststellen. Auch sehr viel häufigere erbliche Anlagen, beispielsweise zu Brustkrebs, zu Darmkrebs, zu Herzinfarkt oder Parkinson, sind gefunden worden - die Zahl dieser Dispositionen wird in den nächsten Jahren noch steigen. Was geschieht, wenn der zu Klonende eine dieser Anlagen trägt? Dann könnte er jedenfalls nicht darauf hoffen, daß sich das schädliche Gen noch irgendwie herausmendelt - das geht nur auf sexuellem Wege.

Beim Klonen ist der Sexweg ausgeschlossen. Konsequenterweise müßte man den Gentest vor die Klonierung verlegen; mit anderen Worten, den möglichen Vater oder die mögliche Mutter noch vor dem eigentlichen Akt im Reagenzglas darüber aufklären, daß da kein perfektes Kind zu erwarten ist.