Ich trage ein Kopftuch, weil der Koran es verlangt. Die Frau soll sich bedecken, um sich vor den lüsternen Blicken der Männer zu schützen. Durch mein Kopftuch signalisiere ich, daß ich mich nicht anmachen lasse", meint die 22jährige Dilek. Sie studiert im sechsten Semester Türkisch und Geschichte auf Lehramt. "Die Debatte um das Kopftuch verstehe ich nicht. Da geht es doch nur um Schlagworte. Ich bin ein normaler Mensch, keine Fundamentalistin und kein Alien, nur weil ich ein Kopftuch trage."

"Ich trage kein Kopftuch, kann aber die Frauen, die eins tragen, gut verstehen", sagt die 23jährige Ayse, die im sechsten Semester Deutsch und Türkisch studiert, ebenfalls auf Lehramt. "Ich bin selber religiös, aber mein Beruf ist das eine und der Glauben ein anderes. Ich will einen guten Unterricht machen. Ich habe nicht das Ziel, meine Schüler zu Muslimen zu erziehen. Auch dann nicht, wenn ich eines Tages vielleicht selber ein Kopftuch trage."

Wobei es immerhin erstaunlich ist, von einer einzelnen Person Toleranz gegenüber der Mehrheit einzufordern. Ginge es nicht auch umgekehrt? Der Deutsche Philologenverband begrüßte die Entscheidung, Ludin nicht in den Schuldienst zu übernehmen, und erklärte: "Das ist eine Entscheidung zugunsten der Integration islamischer junger Menschen in unsere Gesellschaft." Mit der Lebenswirklichkeit junger Musliminnen in Deutschland haben solche Statements allerdings wenig zu tun.

"Auf deutscher Seite heißt es in der Regel: Wer ein Kopftuch trägt, ist religiös. Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, gelten als säkular eingestellt und leichter zu integrieren", betont Yasemin Aydin. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Essen und befaßt sich in ihrer Dissertation mit religiösen Orientierungen und erzieherischen Ansprüchen bei angehenden Pädagoginnen türkischer Herkunft. Auf gut deutsch: Wie denken künftige Lehrerinnen und Erzieherinnen über ihre Religion, den Islam, und ihren pädagogischen Auftrag in einem christlich-säkularen Umfeld?

"Wer ein Kopftuch trägt, ist nicht die geborene Putze"

Yasemin Aydin unterteilt ihre Probandinnen in drei Gruppen. Alevitische Studentinnen sind in aller Regel gegen das Kopftuch. Die Aleviten sind eine islamische Minderheit in der Türkei. Sie werden von der sunnitischen Mehrheit nicht selten diskriminiert und lehnen religiöse Symbole in der Öffentlichkeit ab. Die anderen beiden Gruppen sind Sunnitinnen, die ein Kopftuch tragen, und solche, die es ablehnen. "Dabei ist bemerkenswert, daß Sunnitinnen, die kein Kopftuch tragen, das Kopftuch gleichwohl akzeptieren und sich durchaus vorstellen können, zu einem späteren Zeitpunkt selber eins zu tragen", erklärt Yasemin Aydin. Insgesamt sei der Umgang der Gruppen miteinander von Toleranz geprägt. Über das Kopftuch werde viel und leidenschaftlich diskutiert, aber man respektiere den jeweils anderen Standpunkt. "Ideologische Erwägungen spielen dabei keine Rolle."

Ob eine Studentin ein Kopftuch trage oder nicht, sei abhängig von biographischen Zufällen. Familiärer Zwang sei in den seltensten Fällen entscheidend. Prägender seien zum Beispiel Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die sich durch die häufigen Schulwechsel ergeben: türkische Schüler gehen aus Unwissenheit vielfach erst auf eine Realschule, bevor sie sich für das Gymnasium entscheiden. In diesem Kontext sei das Kopftuch vor allem ein identitätsstiftendes Kleidungsstück, mit dem sich die Trägerin in einer fremden Umwelt zu behaupten versuche.