Besteht aber nicht die Gefahr, daß eine Kopftuchträgerin, die als Lehrerin arbeitet, die Schüler zu missionieren versucht? "Zunächst einmal missionieren sich die Studentinnen auch untereinander nicht", betont Yasemin Aydin. "Hinzu kommt, daß sie sich als Deutsche fühlen, als integriert betrachten und ihre Zukunft uneingeschränkt in Deutschland sehen. Sie bekennen sich zu diesem Land, das ihre Heimat geworden ist. Das Kopftuch ist für sie eine persönliche Entscheidung, ein religiöses Bekenntnis und gleichzeitig Ausdruck der Suche nach einer verbindlichen Moral. Familiäre Werte beispielsweise spielen eine wichtige Rolle. Berufliches Engagement und Kopftuch ist für diese Frauen kein Widerspruch."

Die aus einfachen und bildungsfernen anatolischen Familien stammenden Studentinnen - ihre Mütter waren häufig noch Analphabetinnen - seien leistungsorientiert und bemüht, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Aus diesem Grund lehnten es Kopftuchträgerinnen beispielsweise ab, ihre Kinder in einen islamischen Kindergarten zu schicken. Aus Sorge, sie könnten dadurch isoliert werden.

Aber es gibt noch ein anderes Motiv für das Kopftuch, meint Yasemin Aydin. "Viele Studentinnen wissen aus eigener Erfahrung, was Diskriminierung im Alltag bedeutet. Sie haben gespürt, daß der soziale Status ihrer Kopftuch tragenden Mütter gering war. Ihre Töchter, die es innerhalb einer Generation geschafft haben, eine Universität zu besuchen, tragen das Kopftuch gewissermaßen mit Stolz. Schaut her, ihr Deutschen: Wer ein Kopftuch trägt, ist nicht die geborene Putze."

Gewiß sei nicht auszuschließen, daß die eine oder andere Kopftuch tragende Studentin Sympathien hege für radikal-islamische Strömungen. Ebenso wie es Lehramtskandidatinnen geben mag, die empfänglich seien für rechtsradikale Parolen. Auffallend sei aber die große Distanz der Studentinnen zu türkischen Organisationen in Deutschland. Die jungen Frauen wollen sich nicht vereinnahmen lassen oder sich auf innertürkische Debatten einlassen. Einer gezielten Indoktrination durch türkische Fundamentalisten stünden im übrigen mangelnde Sprachkenntnisse im Wege: Deutsch ist längst ihre Muttersprache, ihr Türkisch überaus schlecht.

Die Lebenseinstellung der von Yasemin Aydin untersuchten Studentinnen ist pragmatisch. Ideologische Normen unter Kopftuchträgerinnen werden von deutscher Seite unterstellt, der Nachweis aber fehlt bislang. Ernsthaft um Fakten geht es in diesem Streit ohnehin nicht. Entscheidender sind Vorurteile und Emotionen.