Als Fereshta Ludin beschloß, ihren Kopf mit einem Tuch zu bedecken, war sie dreizehn. Die Russen waren in ihre Heimatstadt Kabul einmarschiert, ihr Vater hatte sein Amt als Botschafter in Bonn verloren, und die Familie wartete im Exil in Saudi-Arabien darauf, daß sich die politischen Verhältnisse in Afghanistan wieder stabilisierten. Dann starb der Vater, und die Mutter, eine belesene Frau, die lange Zeit als Lehrerin gearbeitet hatte, bat mit ihren fünf Kindern in Deutschland um Asyl.

Fereshta fühlte sich am Anfang fremd. Sie verstand die Sprache nicht, die Nachbarn beäugten ihre dunkelhaarigen Geschwister mißtrauisch durch einen Gardinenspalt, und die Jungen in der Schule spotteten über die zarte Fereshta, die sich zum Gebet niederkniete, während sie sich im Freibad sonnten. "Das hat mich sehr verletzt", sagt Fereshta mit beinahe tonloser Stimme, "aber ich konnte nicht verzweifeln. Ich hatte ja meinen Glauben."

"Ich fühlte mich selbstbewußt, weil ich auf die Fragen, die alle beschäftigten, eine Antwort wußte", erinnert sich die 25jährige: Wer bin ich? Wie finde ich meinen Platz in der Gesellschaft? Die Antworten gab ihr der Koran, und zum Zeichen des Stolzes trug sie das Kopftuch.

"Du willst doch nur missionieren", bekam sie zu hören, und: "Du fällst den unterdrückten Frauen in Afghanistan in den Rücken" - harte Vorwürfe für eine Gymnasiastin, die sich nichts sehnlicher wünschte, als sich in dieser fremden Gesellschaft heimisch zu fühlen.

Viele andere Musliminnen in ihrem Alter legten die Kopftücher ab und genossen die begehrlichen Blicke der Mitschüler, die kleinen Anspielungen, die zufälligen Berührungen. Fereshta konnte und wollte das nicht. "Ich will wegen meines Inneren geschätzt werden."

Das äußere Leben, diese deftigen, prallen Sommer in Schwaben, der kleine Rausch, das sorglose Sich-treiben-Lassen - all das schien sie nicht zu erreichen unter ihrem Kopftuch.

Fereshta Ludin kämpfte. Gegen sich selbst und gegen diejenigen, die sie nicht als das akzeptieren wollten, was sie war: eine Muslimin, die sich inzwischen unter dem Kopftuch nicht weniger deutsch fühlte als ihre christlichen Nachbarn. Sie wollte Lehrerin werden. Auch das war ein Kampf.