In Zandvoort aan Zee ist das Thema kein Thema. Die junge Dame vom Fremdenverkehrsverein erklärt, sie könne weder Auskunft noch Kommentar geben. Journalisten, die in ihrem niederländischen Nordseebad zum Handel mit Kinderpornographie Fragen stellen, findet sie degoutant.

Die Parkplatzwächterin vor dem Hochhaus am Strand, in dem Gerrit U. seine Geschäfte mit dem "Apollo-Paket" abwickelte, weiß auch wenig zu sagen. Ja, viele Leute seien hier aus und ein gegangen, viele aus- und eingezogen, und in den letzten Tagen seien auch Kamerateams und Polizisten dagewesen.

Nach dem Bekanntwerden der Entführung, der Folter und der Ermordung belgischer Mädchen vor zwei Jahren fragten sich viele Belgier, wieso ein arbeitsloser und gerichtsbekannter Krimineller namens Dutroux monatelang im selbstgebauten Keller seines Hauses Kinder quälen konnte, ohne aufzufallen. Daß die belgische Polizei und Justiz im Fall Dutroux zu spät und zu schlampig handelte, steht inzwischen fest.

Ob der Kinderschänder, wie immer wieder behauptet, "von höheren Stellen" geschützt wurde, ob er als Einzeltäter oder auch als Lieferant für ein "Netzwerk" fungierte, konnte trotz der monatelangen Arbeit einer Untersuchungskommission nicht eindeutig geklärt werden. Eine junge Frau, die sich als Zeugin meldete und von furchtbaren "Festen" erzählte, bei denen sie als Kind mißbraucht worden sei und später als junges Mädchen habe zusehen müssen, wie andere Kinder und auch Säuglinge vergewaltigt und getötet worden seien, bekam zu hören, sie sei traumatisiert, unfähig, Alptraum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Für ihre Geschichte gebe es weder überzeugende Anhaltspunkte noch Beweise - das konstatierten mehrere belgische Staatsanwälte im Frühjahr 1998.

Die Sendung des niederländischen Fernsehmagazins "Nova" vom 15. Juli sorgte für einen neuen Schock. 10 000 Photos, 3000 Dokumente, seitenlange Kundenlisten und Bankabschriften deuten auf einen florierenden Markt für pädosexuelle Pornographie in Europa. Offensichtlich existiert Nachfrage, gibt es ein weitverzweigtes Netz von Tätern, Händlern, Konsumenten und eine unbekannte Zahl von namenlosen Opfern.

Entsetzen über den Mißbrauch von Kindern und ein tiefes Mißtrauen gegenüber Polizei und Justiz, so erklärte Jan Boeykens von der belgischen Arbeitsgruppe Morkhoven am Wochenende, hätten Marcel Vervloesem und ihn motiviert, auf eigene Faust zu recherchieren. Sie hätten vor zehn Jahren bei einer Aktion gegen Isolationshaft Jugendliche kennengelernt, die sich im Milieu von Prostitution und Pornohandel in Belgien und in den Niederlanden bewegten.

Einer dieser Jugendlichen habe Marcel Vervloesem angezeigt, der habe daraufhin die Anklageschrift gegen den Pornoring einsehen können: "Alle Namen der Händler und der Aktiven in der europäischen Szene standen da schon drin", behauptet Jan Boeykens. "Es gab Geschäftsverbindungen zwischen Berlin, Amsterdam, London, Wien, Prag bis nach Madeira, nach Thailand und auf die Philippinen. Aber der Staatsanwalt von Dendermonde ließ das Dossier im Keller verschwinden. Deshalb haben wir uns entschlossen, selbst weiterzuforschen."