Shafi Adam Shafi nimmt eine schwarze Ledertasche und eine weiße Plastiktüte mit an Bord. Aus der Tüte lugt eine Topfpflanze mit dem sonderbaren Namen mkilua-kilua. Er kenne nur die Bezeichnung in Kisuaheli, sagt Shafi. "Eine wunderschöne Pflanze. Ich werde sie in meinem Garten einsetzen." Die Fähre, ein altsowjetisches Schnellboot, pflügt hinüber zur Insel.

Im Passagierraum laufen amerikanische Nachrichten: Bagdad und das Böse im Programm von CNN. Auf Shafis Knien liegt ein Buch: "Africa. Despatches from a Fragile Continent", "Depeschen von einem zerbrechlichen Erdteil", der dreißig Seemeilen hinter uns liegt. Vor uns tauchen alabasterweiße Mauern aus dem Meer, Minarette, der Glockenturm einer Kathedrale, der Sultanspalast: Sansibar, die Insel.

Wir tauchen hinab in das Jahr 1964, in die Nacht vom 11. auf den 12. Januar, im ersten Drittel des Ramadan. Nach dem Daku, dem traditionellen Mitternachtsmahl im Fastenmonat, wird auf dem Kisiwandui-Platz bis zur Dämmerung durchgetanzt - Gombesugu, Maumbua, Gonga, die Tänze der Insel. Das Fieber der Revolution hat das Volk erfaßt. Im Morgenrot hebt ein Orkan an, der 14635 Menschen das Leben kosten und die arabische Feudalherrschaft hinwegfegen soll.

"Was schreiben Sie da?" bellt ein Soldat, der vor einem streng bewachten Gebäude am Kisiwandui-Platz patrouilliert. Im nächsten Moment reißt er dem Reporter das Notizbuch aus der Hand. Unser Cicerone versucht ihn zu besänftigen. "Ich bin Shafi Adam Shafi, der Schriftsteller. Wir suchen die Orte der Revolution auf, die ich in meinem Roman beschrieben habe." Shafi? Roman? Hat der grimmige Wachoffizier nie gehört. Revolution? Ist lange her. "Hier befinden sich Büros der Partei. Gerade tagt der Vorstand. Eine wichtige Sitzung. Verschwinden Sie." Wir verschwinden. Durch den Maschendraht schaut uns eine versteinerte Maske nach: Scheich Abeid Karume, der erste Präsident nach dem Umsturz, in Bronze gegossen.

Die Revolution vertreibt ihren Sänger. Die jungen Sansibarer können mit der "Sklaverei der Gewürze", Shafis literarischem Manifest, nichts mehr anfangen, und die Jasager und Kopfnicker der alten Elite wollen es nicht mehr kennen. Es erschien 1978 im Tanzania Publishing House unter dem Originaltitel "Kasri ya mwinyi fuad" und gehört zu den meistgelesenen Werken in Kisuaheli. Inzwischen liegt auch die deutsche Übersetzung vor.

Shafi Adam Shafi spiegelt die Geschichte der sansibarischen Revolution im Schicksal der schwarzen Sklavin Kijakazi, die zeitlebens auf einer Nelkenplantage arbeitet, und des ruchlosen Landlord Fuad bin Malik, dessen arabische Ahnen die Insel eroberten und islamisierten. Seit dem Hochmittelalter kontrollierten Dynastien aus dem Morgenland die ostafrikanische Küste; sie handelten mit Elfenbein, Rhinozeroshorn, Edelholz, Ambra, Kupfer. 1840 verlegte Sayyid Said, der Sultan von Oman, seine Hauptstadt von Maskat nach Sansibar, und die Insel stieg zu einem Umschlagzentrum für Sklaven und Gewürze auf. Die Feudalherrschaft der Araber, gestützt auf eine wohlorganisierte Plantagenwirtschaft, überdauerte die Zwischenspiele des deutschen und britischen Kolonialismus und hielt bis zum Revolutionsjahr 1964 an.

"Das war der Nährboden der Ausbeutung", erklärt Shafi und zupft eine Vanilleschote vom Strauch. Wir wandeln durch einen Garten der Düfte, riechen Muskat und Kardamom, Nelken, Zimt und Tamarinde. Auf einer Lichtung liegen Jackfrüchte, so groß wie Medizinbälle. Eine Gewürzplantage, zauberhaft für europäische Sinne. Für die Sansibarer waren die Gewürze ein Fluch. 1890, als die Insel knapp 210000 Einwohner zählte, kommandierte die Aristokratie der Pflanzer eine Armee von 140000 Leibeigenen. Zwei Generationen später, die Sklaverei war längst abgeschafft, hatte sich auf ihren Gütern nicht viel geändert. Die Herren waren immer noch so allmächtig, daß es nicht einmal die Fliegen wagten, sich auf ihre Kanzus, ihre edlen Gewänder aus weißem Tuch, zu setzen.