Zugegeben: Es gibt Umzüge, die fürchterlich danebengehen. Dies hier ist offenbar so ein Fall: "Ich habe ungefähr 20 Zähne nach Berlin mitgebracht, es bleiben mir ungefähr sechs; ich habe zwei Augen mitgebracht, eines habe ich fast verloren; ich habe keine Gesichtsrose mitgebracht, dafür aber eine bekommen, die ich sehr pflege. Die Natur hat dem, was man meine Seele nennt, ein sehr dünnes und elendes Futteral gegeben." Dies schreibt Voltaire im Dezember 1752 an seinen Chirurgen, entnervt von Berlin.

Alle Umzüge - glückliche wie unglückliche - geben Gelegenheit, das dünne Futteral zu spüren, in dem die Seele steckt. Und mehr noch: Weil dies Futteral so elend dünn ist, haben wir uns ja mit einer Reihe von Dingen umgeben, die uns darüber hinwegtrösten sollen (und das meist auch tun). Beim Umzug aber gerät die Ordnung dieser Dinge durcheinander, und das ist eine ziemlich heikle Erfahrung. Man ist vielleicht übergangsweise gezwungen, mehrere Tage ohne die vertrauten Dinge zuzubringen - und stellt fest, daß der ganze Mensch, für den man sich hält, eine ziemlich wackelige Bastelarbeit ist, die nur den Anschein einer gewissen Plausibilität angenommen hat.

Sind diese Fragen erst einmal auf dem Tisch, ist kein Halten mehr. Es gibt dann oft einen Moment, wo die sentimentale Anhänglichkeit an einen Schrank, ein Buch oder einen alten Bademantel in die grausame Lust umschlägt, den Test auf die eigene Unabhängigkeit zu wagen. Das wollen wir doch einmal sehen, ob ich ohne dich nicht zurechtkomme! Vielleicht haben wir uns nur aneinander gewöhnt und passen gar nicht wirklich zusammen! Ich werde dir schon beweisen - gleich morgen! -, daß ich ein neues Leben ohne dich anfangen kann.

Natürlich ist auch das völlig "neue Leben" eine Illusion. Jeder weiß das. Und doch kenne ich Leute, die dem Reiz des radikalen Umzugsrevisionismus so verfallen sind, daß sie ihm in regelmäßigen Abständen erliegen. Ich muß mir sogar eingestehen - nach vier Übersiedlungen in fünf Jahren -, daß ich wohl selber zu ihnen gehöre. Gerade erst bin ich wieder dem Rausch der Grausamkeit erlegen. Diesmal hat es ebenjenen alten Eßtisch erwischt. Es war nicht leicht, ihn beim Trödler zwischen arbeitslosen Regalen und Küchenschränken stehen zu sehen, mit denen er nach all den Jahren solider Festanstellung nun um neue Herren konkurriert. Mir schien, eine gewisse fassungslose Gekränktheit sprach aus seiner Haltung. Man müßte völlig herzlos sein, um sich bei seinem Anblick nicht ein wenig mies zu finden. Andererseits: Er hat seine Sache immer gut gemacht und wird schon eine neue Aufgabe finden, vielleicht etwas Repräsentatives im Berliner Zimmer einer WG.

Ich habe das schlechte Gewissen überwunden. In ein paar Tagen kommt der neue Tisch, dem man schon an der tadellosen Haltung die Herkunft aus höheren Kreisen ansieht. Wird er sich wohl mit den Billy-Regalen vertragen, die unter seinem Niveau sind? Ob etwas von seiner feineren Lebensart auf mich übergehen wird? Wir wollen doch mal sehen, ob es wirklich kein neues Leben gibt!