Mit seinen "Thesen für ein kosmopolitisches Manifest" ( ZEIT Nr. 30/98) hat Ulrich Beck in der vergangenen Woche versucht, die Idee des Kosmopolitismus im Kontext der gegenwärtigen Globalisierungsdebatte wiederzubeleben - nämlich als eine Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Demokratie. Beck forderte darin die Begründung von "Welt-Parteien". Dieser und andere einschlägige Texte des Münchner Soziologen sowie die darin verwendeten Begriffe haben eine Kritik verdient, die auf die historischen Voraussetzungen der heutigen Diskussion hinweist.

Die Globalisierung sei unser Schicksal, tönt es heute allenthalben, und auch, daß sie ein gutes Schicksal sei. Da drängt sich ein Vergleich mit der Freihandelsrhetorik und der Manchester-Ideologie des 19. Jahrhunderts auf, denn diese erhoben einen ähnlichen Anspruch: Freihandel als Königsweg zu Freiheit, Frieden und Wohlstand für alle. Aber damals war der Handel alles andere als frei, und schon der Ökonom Friedrich List vermutete hinter der Parole "Handelsfreiheit" die Absicht der "stärksten Nation, den Handel und die Industrie der schwächeren Nationen um so sicherer in den Zustand der Sklaverei zu versetzen". Theoretisch bezogen sich die Freihändler - zu Unrecht - auf Adam Smith, den Begründer der modernen Nationalökonomie. Dieser forderte die Beseitigung aller wirtschaftlichen Restriktionen und die Einrichtung "des einfachen Systems natürlicher Freiheit" - dessen Grenzen freilich nicht Marktgesetze, sondern juristische, politisch-moralische und religiöse Normen bestimmen sollten. Freiheitliche Wirtschaft war also Smith zufolge nicht etwa als ökonomischer Automatismus zu verstehen, sondern als eine gesellschaftlich normierte Ordnung.

Der Kosmopolitismus wiederum hat geistesgeschichtliche Wurzeln, die bis in die Antike zurückreichen, aber erst im 17. und 18. Jahrhundert gewann die Idee ein schärferes intellektuelles Profil. Freilich konnte sich Kosmopolitismus immer mit beidem verbinden: mit unpolitisch schwärmerischen Ideen und mit rational begründeten rechtlichen und politischen Vorstellungen. Christian Daniel Voss, Herausgeber der Zeitschrift Der Kosmopolit, faßte sein Programm 1797 in die schlichten Worte: "Der Kosmopolit ... sucht nur das Wahre, Nützliche, Schöne und Edle, - das allgemeine Ziel der Menschheit - wahre Humanität zu befördern."

Wieland und Kant dagegen verbanden mit Kosmopolitismus nicht Pathos und schwärmerische Ideen, sondern Kritik und Aufklärung. Wieland hielt "Vaterlandsliebe" und "Patriotismus", die im 18. Jahrhundert Hochkonjunktur hatten, für diffuse Vorstellungen oder "mit den kosmopolitischen Grundbegriffen unverträgliche Leidenschaften". Kant übersetzte die vage Idee des Kosmopolitismus in klare, ihrer Intention nach universalistische Rechtsbegriffe. So wie innerstaatlich die Freiheit und Autonomie des Individuums nur im "Gehege" einer "gerechten bürgerlichen Verfassung" möglich war, so mußte "die barbarische Freiheit der schon gestifteten Staaten" durch einen Bund "freier Staaten" eingeschränkt werden. Mit Kants Begriffen: Der innerstaatliche "Republikanismus" mußte durch den zwischenstaatlichen "Föderalismus der Staaten" ergänzt werden.

Die nach innen freien, verfassungsmäßig geordneten Staaten (die freilich Frauen, Knechte und Arme von der Staatsbürgerschaft ausschlossen) sollten sich gemeinsamen völkerrechtlichen Normen unterwerfen und mit dem "sich immer ausbreitenden Bund" den Krieg aufhalten und Frieden befördern. "Das Weltbürgerrecht" beschränkte Kant "auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität", also auf ein "Besuchsrecht". Als Recht formuliert, hatte das Prinzip mehr Bestimmtheit und Verbindlichkeit als die schillernden Vorstellungen von Brüderschaft, Verbrüderung und Völkerfreundschaft. Mit der Französischen Revolution gerieten über kurz oder lang alle Staaten in den Sog nationaler Bewegungen und Ideologien, die ein Mitstreiter und Kritiker Wielands "Nationalschurkism" nannte. In der Perspektive nationaler Bewegungen und Ideologien, die das 19. Jahrhundert beherrschten, erschien Kosmopolitismus als "eine Krankheit der Zeit". Vom intellektuell anspruchsvollen Programm des Kosmopolitismus blieb deshalb fortan nur die triviale Schwundstufe des Freihändler- und Manchestertums übrig.

"Globalisierung" und "Freihandel" ähneln einander nicht nur in ihrem Universalitätsanspruch. Beide verdanken ihre Popularität auch einem Doppelleben: Beide beschreiben den unbestreitbaren Tatbestand der Verdichtung und Internationalisierung wirtschaftlicher Beziehungen, und beide fungieren zugleich als ideologische Parolen und Schlagwörter im Streit der Interessen und Interessenten.

Nach der Meinung vieler sind wir seit ein paar Jahren unvermittelt in "die Epoche der Globalisierung" eingetreten. Das ist nicht der Fall, denn spätestens mit der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts und der Verbesserung der Kommunikationsmittel (Eisenbahn, Elektrizität, Dampfschiffe, Telegraphie) gibt es einen unablässig wachsenden Welthandel, der an die Stelle des immerhin viele Regionen umspannenden früheren Kolonialhandels trat. Alle Wirtschaftsdaten zeigen, daß wir es bereits spätestens seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit einer hochgradig internationalisierten Wirtschaft im Weltmaßstab zu tun haben. Die Vorstellung von wirtschaftlich souverän agierenden Nationalstaaten muß also nicht erst heute relativiert werden. Die Währungen waren zwischen 1879 und 1914 fest an den unflexiblen Goldstandard gebunden, weshalb der wirtschaftliche Handlungsspielraum europäischer Staaten damals sogar noch viel geringer war als heute.