Vielleicht wäre der Dopingskandal bei der Tour de France um das Radsport-Team Festina nicht geschehen, wenn das Kommissariat in Reims im März einen Fall nicht auf sich hätte beruhen lassen: Zwei Mechaniker des holländischen Profiradrennstalls TVM wurden beim Schmuggel von Erythropoetin, kurz EPO genannt, erwischt. Wie die Tageszeitung Le Parisien enthüllte, waren sie dabei, 104 EPO-Ampullen über Belgien nach Holland zu schaffen.

Nach kurzer Haft wurden beide Mechaniker auf freien Fuß gesetzt. Ein Ermittlungsverfahren wurde, soweit bekannt, nicht eingeleitet. Einer der beiden Mechaniker kann deshalb zur Zeit bei der Tour de France seinem Beruf nachgehen, und das Team TVM erfreut sich eines Etappensieges durch seinen Sprintstar Blijlevens.

Wir wissen nicht, ob die Behörden in Reims überarbeitet waren oder schlampig. Oder ob da nicht einer war, der ein Auge zudrückte und sich sagte: Die Jungs brauchen doch dieses Zeug.

Erythropoetin ist ein in der Niere produziertes körpereigenes Hormon. Es regt die Bildung roter Blutkörperchen an, die den Sauerstoff in die Muskelzellen transportieren. Der Belgier Eddy Planckaert (grünes Trikot bei der Tour) erklärte, er habe mit EPO seine Ausdauerleistung um zwölf bis fünfzehn Prozent steigern können. Diese Qualität und seine bei ärztlich kontrollierter Einnahme gute Verträglichkeit ließen Josef Keul, den heutigen Präsidenten des Deutschen Sportärzte-Bundes, bereits 1991 im Spiegel äußern, EPO könne das "Höhentraining durchaus ersetzen". Höhentraining ist eine erlaubte Maßnahme zur Sauerstoffanreicherung des Blutes.

Der Teamchef von Festina, Bruno Roussel, und sein Arzt Eric Ryckaert gaben zu, Anabolika und EPO zur Leistungsoptimierung unter strenger Kontrolle verabreicht zu haben, um die unkontrollierte Beschaffung und Einnahme zu verhindern. Damit haben sie genau das getan, was in der Dopingdiskussion von der illusionslosen Fraktion seit langem gefordert wird. Unkontrollierte Einnahme von EPO hat im Radsport vermutlich zu weit mehr als einem Dutzend Todesopfern geführt. In zu hohen Dosen führt EPO zur Verklumpung des Blutes und schließt die Gefäße.

Die Aufregung um den Festina-Skandal gleicht jener vor 31 Jahren, als der Engländer Tom Simpson auf einer Tour-Etappe in den Steigungen des Mont Ventoux vom Rad fiel und Stunden später an der Kombination aus ungeheuren Strapazen und eingenommenen Aufputschmitteln starb. Der wahre Schock der Rennfahrer bei Simpsons Tod war nicht, daß er sich überhaupt gedopt hatte, sondern, daß er daran starb. "Jeder wußte, es hätte auch mich treffen können", sagte Jahre danach der damalige Toursieger Roger Pingeon.

Wie damals bei Simpson zeigt sich die Welt der Tour wieder überrascht und moralisch entrüstet. Dabei hatte Simpson zuvor in einem Interview erklärt, er nehme Aufputschmittel, weil man sonst die Strapazen nicht aushalte. Der fünfmalige Tour-Sieger Anquetil sagte: "Ohne Aufputschmittel steht man das nicht durch." Bernard Thevenet, der zweimal die Tour gewann, gab zu, sich mit Cortison gedopt zu haben.