Ob wohl in einem Jahr so viele Kapitalverbrechen verübt werden, wie sie als fiktionale im Fernsehprogramm vorkommen? Wenn man sich die Massen von Krimis anschaut, die allabendlich von öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern ausgestrahlt werden - Serien, Tatorte, Einzelstücke und Mehrteiler, Eigenproduktionen, Wiederholungen und Importe -, gewinnt man den Eindruck, daß das Publikum besessen ist von Mord, Blut, Schuld, Jagd und Sühne. Und dieser Eindruck ist richtig. All die Untaten, die der Mensch aus Respekt vor dem Gesetz und aus Angst vor dessen Arm nicht begeht, sieht er in dramatisierter Form nur allzugern im Fernsehen.

Die große Krimiflut läßt befürchten, daß das Genre leidet, daß es bald erschöpft auf der Strecke bleibt, zersiebt, plattgemacht von allzuviel Schnellschüssen, denen es genügt, wenn's ein paarmal knallt und am Ende ein Finsterling in den Bau wandert, ohne daß die Verstrickung, die zu Mord und Blut geführt hat, haltbar geknüpft worden wäre. Es ist längst so: Der durchschnittliche Krimi wird immer flacher und unseriöser, die Handlung bricht, zerfällt, gröbste Plausibilitätsmängel werden in Kauf genommen, Hauptsache, 's knallt. Und wo's am ärgsten hapert, das ist meist beim Motiv .

Nun besteht die Remedur für den überlasteten und sich entwertenden Krimimarkt nicht in Enthaltsamkeit vom Genre, sondern in einem entschlossenen Machen guter Krimis. Davon gibt es immer noch einige; zu den besten TV-Produktionen eines Jahres zählen meist Krimis. Sibylle Tavels Erstling "Falsche Liebe" ist so einer - von der durchaus konventionellen Sorte, mit der mittlerweile arg strapazierten Zentralfigur der geschiedenen Ehefrau, die mehr mit ihrer Karriere im Sinn hat als mit ihrer Tochter, und doch hat dieser Film die Bilanz im Krimiwesen zum Positiven hin verschoben. Denn er nahm die Motive seiner Figuren ernst und füllte sie sorgfältig mit begreiflichen Absichten und unbegreiflichen, aber menschlich überzeugenden Leidenschaften. Das ist es: Wenn sich Buch und Regie in die Motive ihrer Figuren vertiefen , hat der Zuschauer seinen Aha-Genuß und der Krimi jenseits des Gewalt- thrills einen Sinn. Nur so hat er Zukunft.