Indem man die moralische Urheberschaft am Attentat auf Togliatti der Regierung de Gasperi zuschob, glaubte man überdies das Mittel zu haben, mit dem der Versuch, "künstlich eine Solidarität der Bedrohung zu schaffen", nunmehr tatsächlich in Italien unternommen werden konnte. Der Generalstreik legte für mehrere Tage das wirtschaftliche Leben lahm, unterband den Verkehr und entfesselte in verschiedenen Städten Unruhen, Sabotageakte an Eisenbahnen und Zusammenstöße mit der Staatsgewalt. Nichts unterblieb, was die Regierung in eine schwierige Lage bringen konnte. Wenn das Ergebnis dennoch nicht den kommunistischen Hoffnungen entsprach, so lag das fast ausschließlich an der Person de Gasperis. Nicht in den Schwierigkeiten, die man ihm bot, sondern in der Unerschütterlichkeit und Energie, mit denen er ihnen begegnete, hat sich die kommunistische Linke verrechnet. Nachdem sie zunächst den Gesamtrücktritt des Kabinetts, dann das Ausscheiden des Innenministers Scelba gefordert hatte, mußte sie sich nach wenigen Tagen zur bedingungslosen Wiederaufnahme der Arbeit entschließen. Der Mißerfolg des Angriffs war vollständig.

Inzwischen erweist sich dieser Angriff auch noch als Bumerang. Die christlich-demokratischen Führer der Gewerkschaften haben in einem äußerst scharf formulierten Schreiben an die Leitung des italienischen Gewerkschaftsbundes den soeben abgebrochenen Generalstreik als Bruch der Verbandssatzungen bezeichnet und die Einberufung einer außerordentlichen Tagung der christlich-demokratischen Gewerkschaftsführer gefordert, auf der ein autonomer demokratischer Gewerkschaftsverband geschaffen werden soll. Damit ist der erste Schritt zur Loslösung von der kommunistischen Führerschaft vollzogen und genau das eingetreten, was durch die erstrebte Solidarität der Bedrohung hatte verhindert werden sollen. Aber auch de Gasperi selbst geht zum Gegenangriff über. Er hat angekündigt, daß er im Parlament eine Gesetzesvorlage einbringen werde, die das Streikrecht einschränken und damit künftige Störungen des öffentlichen Lebens durch politische Streiks verhindern soll. Ein derartiger Schritt kann sehr wohl zum Anfang einer erneuten Kraftprobe zwischen der Regierung und den Kommunisten werden und zeigt jedenfalls, wie sehr de Gasperi sich als Herr der Lage fühlt. Schon die kurz vor dem Attentat auf Togliatti ausgesprochene Ablehnung der kommunistischen Lohnforderung unter Hinweis auf die inflationistischen Gefahren für die Wirtschaft zeigte deutlich, daß die Grenze der Zugeständnisse erreicht war, zu denen de Gasperi sich noch bereit finden zu können glaubt. Die feste Haltung in den Tagen nach dem Attentat, in denen er in schroffster Form den Einsatz sämtlicher staatlichen Machtmittel ankündigte, um den Unruhen ein Ende zu machen, hat das Bild der Regierungspolitik in Rom abgerundet. De Gasperi hat in dieser Krise ein wahrhaft staatsmännisches Format sichtbar werden lassen, dem vor allem es zuzuschreiben ist, wenn aus dem "Schlimmsten, was geschehen konnte", bisher ein voller Erfolg der Regierung geworden ist.