Wenn der Deutsche in diesen Tagen und Wochen häufiger und röter als sonst im Gesicht anläuft, dann heiß das, er ist im Vorurlaubsstreß. "Erlauben Sie mal!" und so weiter - im nächsten Moment drohen Prügel. Was erlauben? Rittern war es einst gestattet, um Erlaubnis zu bitten, und zwar für den Fall, daß sie sich mit Anstand vom Hofe zu entfernen gedachten. Und nur vornehme Damen konnten ihnen, wenn sie wollten, gnädig "urloup" gewähren.

Heute glaubt ja schon jeder Gemeine, Anspruch auf drei Wochen Bali inklusive Rikschakuli zu haben, nur weil er die Fußball-WM und die Tour de France vor dem Fernseher überstanden hat. Mit einer derartigen Arbeitsmoral kann das hierzulande nix werden, findet der Bundesverband der Deutschen Industrie. Aber gemach. Es hat auch sein Gutes.

Der umgekehrte Fall übrigens (Chef fährt in Urlaub, Fußvolk bleibt da) sollte im Interesse der Firma vermieden werden. Warum, das zeigt eine britische Studie am Exempel des Stallschweins. Eber und Säue, die sich unbeobachtet fühlen, geben keinesfalls Ruhe, wenn der Bauer am Abend die Tür geschlossen hat. Vielmehr setzt anschließend erst recht ein großes Fressen und Saufen und Krawallmachen ein, das leicht bis Mitternacht dauern kann. Ordentlicher Speckansatz und entsprechende Renditen sind unter solchen Umständen nicht zu erzielen (http://www.metropulse.com/dir_zine/dir_1998/818/t_notw.html).

Der clevere Vorgesetzte läßt seine Angestellten vielmehr dahin fahren, wo der Pfeffer wächst. Leichten Herzens sogar. Sollen sie "Caipirinha!" schreien und in der Mittagsglut schmoren, vor Hulule schnorcheln oder durch die Abruzzen trekken, bis sie umfallen. Auch alternative Selbsterfahrungskurse wie "Stuhlhalten in der Toskana" oder "Atmen auf Korfu" (http://www.lotusintergate.at/alexis-zorbas/) sind bloß ein einziger Mumpitz. In der Fremde ist der Fremde nämlich Freiwild. Was eine Untersuchung des Wildbiologen Steve Thompson im amerikanischen Yosemite National Park eindrucksvoll bestätigt. Mehr als sechshundert Wagendiebstähle wurden dort in der vergangenen Saison registriert, begangen von Bären auf der Suche nach Lunchpaketen. "Das gibt jedesmal ein Problem", sagt Steve Thompson, "wenn die Klügeren unter den Bären auf die Dümmeren unter den Besuchern stoßen" (http://www.nine.org/notw/latest).

Kleine Fluchten, große Illusionen. Weich- gekocht und ausgeplündert, so steht der deutsche Urlauber in spätestens sechs Wochen wieder auf der Matte. Und duckt sich um so williger unter die gewohnte Knute.