Kopfrechnen kann er. Mit minutenlangen Zahlen-Kunststücken versuchte in der vergangenen Woche Stanley Fischer, zweiter Mann des Internationalen Währungsfonds (IWF), zweifelnde Journalisten zu überzeugen. Doch obwohl die Subtraktionen und Multiplikationen stimmig waren, blieb den Zuhörern das Ergebnis unklar. Der Chefökonom wollte wohl zeigen, daß der Fonds fast pleite ist, und verhedderte sich im hauseigenen Zahlenkauderwelsch. Schließlich mußte der Schatzmeister aushelfen. Da klärte sich zumindest eines: Zahlungsunfähig ist der IWF nicht - noch nicht. Allerdings sind die Reserven der Organisation nach dem jüngsten Riesenkredit an Rußland so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die geringe Liquidität könnte zum Problem werden, spätestens wenn die nächste Region von der asiatischen Krankheit angesteckt wird. Trotz aller Sonntagsreden über eine Reform der Finanzmärkte setzt nämlich der Fonds bei seinen Krisenprogrammen unverändert auf milliardenschwere Kredite.

Das aber wird immer teurer, seit die Asienkrise vor gut einem Jahr begann.

Damals, am 2. Juli 1997, gab die thailändische Notenbank ihren Widerstand gegen die Währungsspekulanten auf und löste die Bindung des Baht an den Dollar. Der Wert der Währung sank dramatisch, das Wirtschafts- und Finanzdebakel der einstigen Tigerstaaten nahm seinen Lauf: Erst taumelte Thailand, dann Indonesien, die Philippinen und Südkorea - mehr als hundert Milliarden Dollar an Krediten, über die Hälfte davon IWF-Geld, hat die Weltgemeinschaft inzwischen in die Region gepumpt. Und trotzdem warnte erst kürzlich wieder IWF-Chef Camdessus, sei "die Krise nicht vorbei".

Da schmerzt es besonders, daß sich die latente Krise in Rußland gerade in den vergangenen Monaten gefährlich verschärft hat. Folge: Allein in diesem Jahr bekommt das Land vom IWF 11,2 Milliarden Dollar an neuen Krediten

insgesamt summieren sich die internationalen Hilfskredite auf über 20 Milliarden Dollar. Und niemand weiß, ob nicht morgen die Ukraine, Brasilien oder Südafrika Hilfe brauchen. "Wir kommen gar nicht mehr dazu, grundsätzlich nachzudenken, so sehr halten uns die Krisen einzelner Länder in Atem", stöhnt ein hochrangiger IWF-Mitarbeiter.

Das Schema, nach dem Länder in Krisen geraten, gleicht sich auf erschreckende Weise: Meist werden Wirtschaftsreformen verpaßt, das Bankensystem ist ineffektiv oder korrupt, dazu kommen ein starrer Wechselkurs und hohe, meist kurzfristige Auslandsschulden. Irgendwann setzt dann die Kapitalflucht ein, verstärkt durch die Spekulation auf eine Abwertung.