Der Chef kämpft an allen Fronten. Wenn Heinrich v. Pierer in diesen Tagen eines der zahlreichen Siemens-Werke besucht, dann steht ein Thema ganz oben auf der Agenda: Wie kann der Unternehmenswert gesteigert werden? Schließlich sei es ein Unding, finden die Münchner, daß ein Unternehmen mit 115 Milliarden Mark Umsatz und 400 000 Mitarbeitern an der Börse insgesamt nicht mehr wert ist als etwa die Softwarefirma SAP mit ganzen 13 000 Beschäftigten.

Den einfachen Mitarbeitern, die mit Begriffen wie Shareholder value oder der neuen konzerninternen Wertsteigerungsinitiative "win" wenig anfangen können, versucht Pierer sein Anliegen ganz einfach nahezubringen: "Wenn Sie abends die Fabrik verlassen, muß mehr in der Kasse sein, als am Morgen drin gewesen ist."

Doch offensichtlich hat es der Konzernchef versäumt, diese simple Botschaft allen seinen Managerkollegen rechtzeitig einzuhämmern. Denn einige der Herren im dunklen Tuch sorgten in den vergangenen Monaten dafür, daß es in der Konzernkasse deutlich weniger klingelt als vorgesehen. Obwohl der Konzernumsatz in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 1997/98 um stattliche fünfzehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum anstieg, kletterte das Konzernergebnis nur um magere fünf Prozent. Am Ende des Geschäftsjahres (30. September), so die kleinlaut revidierte Vorausschau, werde das Ergebnis nur "einen Tick" höher ausfallen als im Vorjahr. Konkret: Anstelle eines ursprünglich angekündigten Konzerngewinns von 3 Milliarden Mark werden es wohl nur gut 2,5 Milliarden sein. Dieser Rückschlag wiegt um so schwerer, als die Rivalen um die Gunst der Anleger fast durchweg mit Rekordgewinnen glänzen.

Eingebrockt haben das magere Ergebnis vor allem vier der sechzehn großen Geschäftsbereiche, die immerhin rund ein Drittel des Unternehmens repräsentieren. Die Verkehrstechnik kommt mit ihren Großprojekten beim U-Bahn- oder Eisenbahnbau in aller Welt lange nicht so wie gewünscht voran.

Im Bereich Energieerzeugung (KWU) haben technische Probleme mit der neuesten Gasturbinengeneration das Ergebnis verhagelt. Kann Pierer hier noch auf ähnliche Probleme der unmittelbaren Konkurrenten verweisen, so haben sich die Handybauer des Konzerns offenkundig verschätzt. Die Siemens-Geräte waren zwar technisch Spitze, aber der Markt wollte billige Produkte. Noch größere Sorgen machen den Münchnern allerdings ihre Halbleiter. Trug die Chipsparte vor zwei Jahren mit fast 800 Millionen Mark noch erheblich zum Konzerngewinn bei, so reißen die Siliziumplättchen diesmal ein Loch von mehr als einer Milliarde Mark in die Kasse. Da nützen auch Klagen über Dumpingpreise der asiatischen Konkurrenz wenig.

Die Erfolge anderer Geschäftsbereiche wie der Automatisierungstechnik, der Automobiltechnik oder der Glühlampenfirma Osram werden angesichts dieser Probleme kaum noch wahrgenommen

selbst erfolgreiche Turnarounds wie in der Medizintechnik gehen unter. Was zählt, ist das Gesamtergebnis, und da mußte der Siemens-Chef einräumen: "Wir kommen bei der Steigerung des Unternehmenswertes nicht so voran, wie wir uns das vorgestellt hatten." Wohl wahr: Während die im Deutschen Aktienindex (Dax) versammelten dreißig Industriewerte in den vergangenen Monaten eine Rekordmarke nach der anderen nahmen, hinkte die Siemens-Aktie deutlich hinterher (siehe Graphik).