Der Artikel von Klaus Harp precht fordert mich zum Widerspruch heraus, weil hier an die Stelle der Auseinandersetzung die Diffamierung tritt. Weil der angegriffene Reinhard Höppner "einstiger Synodalpräsident" ist, bedient sich der Autor theologischer Terminologie: gleich in der Überschrift "Sündenfall", an anderer Stelle "Sünde wider den Geist". Wenn Höppner als "Bruder" bezeichnet wird, ist das wohl eher herabsetzend gemeint. Als Anerkennung wäre es richtig, denn Höppner setzt seinen Weg, den er als Präses der Synode in der Kirche begonnen hat, nun auf der Ebene der Politik fort.

Als gelernter Protestant geht er durchaus eigene Wege. Aber eine "Entwestlichung betreibt" er gewiß nicht, immerhin war die Kirche in der DDR eine ganz wesentliche Verbindung zum Westen. Und ich bin gewiß, daß Höppner die "Vorgeschichte der PDS" durch leidvolle Erfahrung so gut kennt, daß er mit den Vertretern dieser Partei umzugehen versteht.

Die andere Diffamierung ist die weitgehende Gleichsetzung der ostdeutschen Bevölkerung mit der PDS - zum Beispiel was das Verhältnis zur Freiheit betrifft. Gewiß, es gibt Meinungsumfragen, die Unterschiede zwischen Ost und West aufzeigen. Dies muß aber hinterfragt werden. Immerhin hat die ostdeutsche Bevölkerung 1989/90 in ihrer Mehrheit auch zu Wende und Einheit beigetragen, indem sie die äußeren Mauern durch Flucht in den Westen überwand, und die inneren Mauern ihrer Ängste, indem sie auf die Straßen ging. Dafür wurde sie damals sehr gelobt. Zum einen war es die Sehnsucht nach Freiheit von Bevormundung und Eingesperrtsein, zum anderen der Mut, seine eigene Meinung zu haben und diese auch kundzutun, und damit fängt die Freiheit an. Gewiß, auch der Wunsch nach einem höheren Lebensstandard spielte eine Rolle. Und da hatten viele im Osten einfach Illusionen und sind nun enttäuscht. Aber sind Ost- und Westdeutsche in dieser Mischung der Motivationen so sehr verschieden? Und ist nicht oft in Ost und West das Bild von Freiheit ein einseitiges, bis hin zum Slogan von der "freien Fahrt für freie Bürger"? Wir können aber die Einheit nur wirklich erreichen, wenn wir gemeinsam Freiheit in Verantwortung vor dem Ganzen, nennen wir es Gott oder den Menschen neben uns, verwirklichen. "Höppner und seine Brüder" sind bestimmt dabei.

Dr. K. W. Keller Halle/Saale