Als der Kommandant der Roten Armee die Dame des Hauses, es war das Schloß Lütschena bei Leipzig, nach der Kunst an den Wänden fragte, antwortete sie kaltblütig, daß es sich um Kopien handele, die Originale seien im Museum.

Kurz danach sorgte Ilse Speck von Sternburg dann tatsächlich dafür, daß die Kunstwerke, circa 200 Bilder, dazu Zeichnungen und Graphik, in einem desolaten Lastwagen ins Leipziger Museum gebracht wurden. Das Juwel der Sammlung, Rogier van der Weydens "Heimsuchung Mariae", transportierte der Direktor eigenhändig in der Straßenbahn.

Eine Geschichte aus dem Jahr 1945, die nicht nur deshalb eine glückliche zu nennen ist, weil hier Kunstwerke davor bewahrt wurden, zerstört oder zerstreut und schließlich als Beutekunst in Haft genommen zu werden. Der Wert der Sammlung Speck wurde 1996 auf rund hundert Millionen Mark geschätzt: eine bemerkenswerte Summe, wenn man weiß, daß deutsche Museen einen Nulletat für Ankäufe haben. Peanuts angesichts der Tatsache, daß Deutschlands Anteil am neuen Kredit des Internationalen Währungsfonds für Rußland Milliarden beträgt. Glücklich ist diese Geschichte aber vor allem deshalb zu nennen, weil jede kunst- oder kulturhistorische Sammlung ein Stück kultureller Identität ist, ein Fundament jenseits des Fundamentalismus. Wenn im Berlin der zehner und zwanziger Jahre die Sammler der europäischen Moderne zahlreicher waren und kühner agierten als in Paris oder London, dann sagt das ebensoviel über ein kulturelles Klima wie die Tatsache, daß knapp hundert Jahre zuvor der vom Gastwirtssohn zum Kaufmann und Großgrundbesitzer aufgestiegene Maximilian Speck eine Kunstsammlung anlegte, die ihm und seiner Familie zur Freude und Belehrung diente, letzten Endes aber immer als Gut für die Allgemeinheit gedacht war. Das Testament des Maximilian Speck, der als hellsichtiger Ökonom vom bayerischen König (der ihn in den Freiherrenstand erhob) ebenso geschätzt wurde wie vom russischen Zaren, verbot die Aufteilung der Sammlung nach seinem Tode und verfügte die Übergabe an das Leipziger Museum als einzig mögliche Entäußerung.

Es gibt wohl wenig Städte, in der emanzipierte und aufgeklärte Bürger so generös und selbstbewußt am kulturellen Status ihrer Stadt mitarbeiteten wie in Leipzig, der frühen Messe-, Buchhandels- und Verlagsstadt. Und was das bedeutete, kann man jetzt im Interimsquartier des Museums der bildenden Künste sehen, wo der erste Teil der Speckschen Sammlung gezeigt wird, die seit 1996 als Stiftung Teil des Museumsbestandes ist. Der Platz im Handelshof, der übrigens gegenüber vom prächtigen Speckshof, dem Kaufmannshaus des Sammlers, liegt, ist begrenzt. Aber dieser erste Teil, der mit den Altniederländern beginnt und mit dem italienischen Barock schließt, zeigt schon deutlich den Charakter des Sammlers, der sich in späteren Jahren auch für die Zeitgenossen interessierte (Friedrich, Koch, Schadow und Richter zum Beispiel), grundsätzlich aber die sehr bürgerliche Vorliebe für die holländische und flämische Malerei des 17. Jahrhunderts hegte.

Stilleben, Landschaften, Blumenstücke, Interieurs und Kirchenräume, die einem Bedürfnis nach Harmonie, Ernsthaftigkeit und Natürlichkeit entsprechen, machen das Gros der Sammlung aus. Vor diesem Hintergrund entfalten, gleich zu Beginn der Ausstellung, Rogiers kleinformatige Tafel oder später Rubens' kaum größeres "Schiffswunder der Hl. Walburga" ihr stilles, beziehungsweise turbulentes, meisterwerkliches Eigenleben. Daß Speck mit dem Wunsch nach einem Dürer und einem Raffael an die Kopien geriet, ist ein Schicksal, das er mit anderen Sammlern teilte und das durch den Zugewinn des Rogier van der Weyden, der als Arbeit von Hans Memling erworben und erst nach dem Tod des Sammlers durch Hugo von Tschudi neu zugeschrieben wurde, auch einen Ausgleich erfuhr. Daß der Kunstliebhaber aber bei aller Solidität, die dem rasanten Aufsteiger die Balance erhielt, auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa und den Besichtigungen bedeutender Kunstsammlungen mehr gelernt hatte als die Norm, gilt für den Großkaufmann und Ökonomen ebensosehr wie für den Sammler.

Der Leipziger Bürger, der sich mit seinem Stand und seiner Stadt identifizierte, war, das verraten nicht zuletzt seine Publikationen über seine Sammlungen, über die Veredelung der Schafwolle und die Schweizer Rindviehzucht auf seinem Gut, auch ein aufgeklärter Universalist.

Man braucht beim Betrachten der Sammlung nur einen Schritt zurückzutreten, dann erkennt man im Kunstpanorama mit seinen Höhepunkten und Niederungen auch eine Eigenart, die wir sonst eher aus den Sammlungen fürstlicher Eigenbrötler kennen: den Blick für das Absonderliche. Specks Kauf des "Sturz des Phaëton" von Joseph Heintz d. Ä., einem Klassiker des rudolphinischen Manierismus, blieb zwar ein Einzelfall. Aber er fügt sich zu Akquirierungen wie der veristisch häßlichen "Alten Frau im Fenster" von Bartholomeus van der Helst, dem mit Bildmetaphern und Symbolen durchsetzten Selbstbildnis von Jan van Wijckersloot, der meditierenden "Maria als Schmerzensmutter" des Philippe de Champagne oder auch Guido Renis "Maria mit dem schlafenden Jesuskind", ein Stück Salonmalerei avant la lettre und der schönste Kontrast zu der innerhalb ihres Genres durchaus exzentrischen "Heimsuchung" d es Rogier van der Weyden.