Was er haßt, ist bekannt: Interviews und Videos, die Musikindustrie und Journalisten im besonderen. Mit den Schablonen muß er leben, seit dreißig Jahren, ein Windmühlenkampf. Jedem Lied und jedem Album folgen die gleichen Fragen, die gleichen Antworten: "Ist dies ein Interview oder eine öffentliche Hinrichtung?" Van Morrison schien sich in den letzten Jahren zu bewegen. Der Mann, der nur seine Arbeit machen will, der sein Privatleben immer gegen seine Musik verteidigen mußte, hatte geheiratet, trat auch schon mal in der David Letterman Show auf, wurde umgänglicher, wenn auch nicht offener, lachte ab und zu in Konzerten und veröffentlicht nun - die Vergangenheit wird aufgearbeitet - Archiv-Aufnahmen aus den Jahren 1971 bis 1988 im CD-Doppelpack: "The Philosopher's Stone" (Polygram 531 789). Abgesegnet, autorisiert und mit Textheft, ein kleines Wunder.

"Wer in der Welt brauchte noch ein Lied, sein Lied, ein neues Lied?" schrieb Peter Handke dem Sänger zu, und die Wiederholung alter Lieder macht etwas ratlos. Van the Healer, Van the Soulshouter, Van the Jazz, Van the Mystic, Van the Irish Cowboy - von allem ein bißchen, aber nicht das Beste. Er gibt dem Publikum, was es will - er sollte wieder ungnädiger werden. Vielleicht liegt es an der Auswahl der Stücke - die Mehrzahl der Titel entnahm er der Zeit zwischen 1973 und 1978, die als "Period Of Transition" nicht seine stärkste war -, vielleicht an den Schablonen, die auch er pflegt: die Bläsersätze, das Ruf-und-Antwort-Schema, die Soul- und Jazz-Breaks, das Babybabybaby... und doch, auf einmal hat er's, stimmt die Wellenlänge, wechselt die Stimme vom hohen Flüstern zum tiefsten Grummeln, vom wütenden Schrei zur samtweichen Berührung, schwillt a n, wird die endlose Litanei zur beseelten Predigt. "Contemplation Rose" möglicherweise oder "Stepping Out Queen Part 2", ein Stück, das nicht vorgibt, als müsse es einen Anfang und ein Ende geben.

"Ich schreibe Songs. Dann nehme ich sie auf. Und später singe ich sie auf der Bühne. Vielleicht. Das ist mein Job. Ganz einfach." Und da jeder Tag ein anderer ist, da sich Van Morrison heute öfter "glücklich als unglücklich" fühlt, sind die Konzerte wie bei jedem Musiker, der als Mensch, nicht als Automat spielt: routiniert, wütend, fröhlich, mit oder ohne "Gloria". (Und wer seine Konzerte vom 23.7. bis zum 26.7. in Deutschland versäumt, sollte zumindest das Video "The Concert" aus New York hören.) "Der Sänger konnte sagen, was ein Lied war", liest man in Peter Handkes "Niemandsbucht". "Die entferntesten Straßen münden ineinander." Dies ist zu spüren, auch wenn er auf Nebenstraßen läuft.