Manchmal fällt es leichter, das Tor der Barmherzigkeit aufzureißen, als es hinterher zu schließen. Dieser unchristliche Gedanke mag manchen anwehen, der dieser Tage mit dem Zug in Warschau ankommt. Es bietet sich ihm ein wahrhaft bewegender Anblick dar.

Inmitten der riesigen Bahnhofshalle haben Dutzende von Obdachlosen ein Lager errichtet, auf Pappkartons ihre Utensilien, Decken und Lumpen ausgebreitet, davor Polens weiß-rote Nationalfahnen aufgestellt und die Forderung nach einem ständigen Bleiberecht auf dem Bahnhof plakatiert - so lange, bis die Stadt ihnen kostenlose Wohnungen gebaut hat.

Umspült von der Brandung der Normalität, fristen sie in ihrem Protestlager ein Inseldasein. Schlafen, sitzen einfach da, unterhalten sich, essen, trinken, während ringsherum Reisende nach Tickets anstehen, Fahrpläne studieren, Koffer schleppen, zu den Zügen hasten.

Die Verwaltung des Warschauer Zentralbahnhofs duldet Obdachlose unter dem Bahnhofsdach seit Jahren - teils aus Mitleid, teils aus Angst, daß Rangeleien mit der Polizei bei einer Räumung für unangenehme Schlagzeilen sorgen könnten. So kam es, daß sich die Warteräume für Reisende nach und nach in übelriechende Tag- und Nachtasyle verwandelten, daß sich die von nah und fern herbeigeströmten Wohnungslosen in immer neuen Ecken des riesigen Bahnhofskomplexes einnisteten, als es schließlich keine freien Bänke mehr gab.

Wie immer, wenn Engagement das Denken beeinträchtigt, traten auch in diesem Fall Helfer mit sozialer Ader auf den Plan, die das Problem mit falschen Mitteln angingen. Sie richteten Behelfsduschen und eine Notküche auf dem Bahnhof ein. Nur mit Mühe konnte der Bahnhofsvorsteher verhindern, daß die Station gänzlich zu einem Dorado für Nichtseßhafte wurde. Der Versuch, das Problem doch noch durch Zwangsräumung zu lösen, scheiterte - und führte schließlich zur Errichtung des Protestlagers in der Schalterhalle.

Obwohl die Obdachlosen vom Bahnhof in den Medien ausgiebig Gehör finden und ein Komitee aus Politikern und Intellektuellen sich für sie einsetzt, stößt das Camp in der Empfangshalle bei Warschaus Bürgern auf Unverständnis. Sie spüren, daß Armut, wie so oft in letzter Zeit, hier auch mißbraucht und von effektheischenden Politikern und Medienmachern instrumentalisiert wird.

Keine Frage, daß mancher aufsässige Profischnorrer die neue Freiheit in der Warschauer Altstadt auch genießt und mancher Obdachlose den Bahnhof einer Unterkunft im Asyl nur deshalb vorzieht, weil man sich im Asyl nicht dem Trunk hingeben darf und für ein Taschengeld Hilfsarbeiten verrichten muß.