Anja V.s Verlobter galt zu Lebzeiten als fleißiger Arbeiter. Nach jeder Schicht auf dem Bau reinigte er noch Bürogebäude, außerdem sorgte er für die Familie vor. Als der vorbildliche Mann im Frühjahr 97 dem Krebs erlag, hinterließ er Frau V. neben der Last eines eben geborenen Kindes eine stattliche Lebensversicherung. Kurzzeitig erfreute sich die 35jährige des Reichtums, dann ließ sie sich von ihrer besten Freundin Marion P. überreden, ihr das Geld "pro forma" zu überschreiben. So könne Frau V. weiterhin Sozialhilfe beziehen.

Was hier "pro forma" hieß, war totale Enteignung. Frau V. hat die 75 000 Mark nie wiedergesehen, und Marion P. steht wegen Betruges vor dem Hamburger Amtsgericht.

Zwei verfeindete Sippen haben sich an den entgegengesetzten Enden des Flures im Gerichtsgebäude zusammengerottet. Der Verband der Geschädigten entspricht mit Anorak und Schiebermütze optisch dem Kleingärtnerideal, die Freunde der Angeklagten sind wilderen Geblüts. "Oh, mein Gott, was für Schläger", sagt zitternd die Mutter der Betrogenen. Vater rät zur Kardinaltugend des Kleinbürgertums, der Vorsicht: "Halt bloß den Mund, Mädchen, sonst reißt du dich noch selber rein."

In der Tat, zwei Kerle, groß wie Schränke, grau wie Aschenbecher, flankieren die zierliche Angeklagte. Verblichene Tattoos umspannen baumstammdicke Oberarme, vom Heavy-Metal-Fan-T-Shirt bleckt ein Totenkopf die Zähne.

"Ich war's schon", gibt die 32jährige Angeklagte munter zu. "Meine Ehe hat die Schlampe kaputtgemacht, die mußte ja meinen Kerl zu sich ins Bett holen."

Die Knete sei "ratzeputz" weg. Schulden habe sie davon bezahlt, dann sei sie mit den Kindern solange in den Urlaub gefahren, bis nichts mehr übriggewesen sei.

"Seychellen satt", brummt der Richter.