Bonn - Wenn Publizisten und Politiker in Deutschland einen prägnanten Namen für unser Staatswesen suchen, dann fällt ihnen inzwischen immer öfter ein: "Berliner Republik"!

Das sprachliche Vorbild liefert die Geschichte. Weil 1919 die verfassungsgebende Nationalversammlung nicht in Berlin, sondern - vor allem, um Unruhen aus dem Weg zu gehen - in der thüringischen Provinz tagte, hat sich als Chiffre für die folgenden vierzehn Jahre "Weimarer Republik" eingebürgert. Außer der Tatsache, daß die Verfassung dort beraten und beschlossen wurde, hatte die Republik mit Weimar jedoch nicht viel zu tun.

Die Benennung ist ein Werk der Nachgeborenen. Die Zeitgenossen benutzten sie nicht.

Wenn heute von einer "Berliner Republik" die Rede ist, geschieht das manchmal mit politischer Absicht, meist aber ohne großes Nachdenken. Was wird an der Bundesrepublik künftig berlinisch sein? Doch höchstens der Umstand, daß in Berlin Parlament und Regierung, Bundespräsident, diplomatisches Korps und eine größere Zahl von Verbänden residieren werden. In Bonn verhielt es sich mehr als vier Jahrzehnte lang genauso, und kaum jemand kam auf die Idee, von einer "Bonner Republik" zu sprechen. Wenn sie - alles in allem - eine Erfolgsgeschichte war, liegt das auch daran, daß sie eben keine "Bonner", auch keine "rheinische", sondern eine föderative Republik war. Mit einer Vielzahl politischer, kultureller und wirtschaftlicher Zentren und Einflüsse.

Die Prägungen, die der westdeutsche Staat in vierzig Jahren erfuhr, die erfreulichen wie die unerfreulichen, waren keine typisch "rheinischen". Wer hier nur an Adenauer denkt, vergißt neben Heuss und Schumacher auch Brandt, Schmidt und Strauß. Man sagte zumeist knapp "Bundesrepublik", aus Gewohnheit, der Einfachheit halber oder weil es denjenigen, denen es schwer über die Lippen kam, das Wort "Deutschland" ersparte.

Mancher mag hoffen, mancher befürchten, Berlin werde der Republik seinen Stempel aufdrücken, mehr als Bonn es getan hat. Sehr wahrscheinlich ist es nicht. Der föderative Charakter der Bundesrepublik hat sich auch im größer gewordenen Deutschland nicht grundsätzlich verändert. Hamburg, München, Köln, Frankfurt oder Dresden, die Regionen und die Länder werden trotz des Schwergewichts Berlin ihren Einfluß in Politik und Wirtschaft, Medien und Kultur geltend machen können. Die Erwartung, die Metropole Berlin werde auf den durchschnittlichen Volksvertreter besondere Wirkungen ausüben, wird im übrigen eher gering einschätzen, wer in Bonn erlebt hat, wie Parlamentarier sich nur mit größter Überwindung zur Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Bundeshauptstadt entschließen konnten. Das schönste an Bonn war halt für die meisten Abgeordneten immer der Zug nach Hause. Sollte das in Berlin wirklich anders sein?