Ist da wer? Regt sich da noch etwas? Pssst! Die Kunst ist eingeschlafen am Grünen Hügel von Bayreuth. Tief und fest, weihevoll umspielt von den wohlbekannten, schönen Klängen. Alles ist ganz ruhig bei den diesjährigen Festspielen: keine neuen Inszenierungen, keine neuen Dirigenten, keine Hoffnung auf Regieentdeckungen. Auch nicht in naher Zukunft: Willy Decker, der einzige neue Regisseursname, der aufhorchen ließ, hat seine für 1999 angekündigte "Lohengrin"-Produktion vor einigen Wochen abgesagt. Nur noch schwach geht der Puls der Kunst in Bayreuth. Die letzten aufrüttelnden Herzrhythmusstörungen liegen schon fünf Jahre zurück - Heiner Müllers "Tristan"-Premiere. Letztes Lebenszeichen bleibt der flache Atem der liebgewonnenen Festspielrituale. Vielleicht ist es ein Schönheitsschlaf, den wir da erleben, ein bißchen lange, aber am Ende erquickend. Vielleicht aber handelt es sich auch um ein Koma, finales Stadium. Oder ist es schon soweit, daß nur noch jemand das weiße Laken über die berühmten Richard-Wagner-Festspiele ziehen muß? Bayreuth tot, nach einem langen, ereignisreichen Leben sanft entschlummert?

Völlig falsch. Bayreuth ist hellwach - jenseits des Vorhangs. Es ist wie immer: Alle Wagnerianer wollen hin, alle gieren nach Karten, nach der Teilhabe an Aura und Mythos des einzigartigen Ortes. Außerdem gibt es noch die Familie Wagner selbst, die sich mit jedem Jahr der künstlerischen Stagnation im Festspielhaus noch etwas aufgekratzter, umtriebiger, lauter zu Wort meldet. Es jagen sich inzwischen die Buchveröffentlichungen, Interviewscharmützel, Enthüllungskampagnen und juristischen Auseinandersetzungen. Klassische Aufführungen, ewig in den Themen und meist hochdramatisch besetzt. Im vergangenen Jahr tobte der Streit im Haus des Festspielleiters Wolfgang Wagner. Sein Sohn Gottfried hatte mit einer Autobiographie an die alte Bayreuther Wunde gerührt: die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Hinzu kamen kritische Kommentare über eine Gedenkfeier und die abgesagte Ausstellung zum hundertsten Geburtstag von Wolfgangs Mutter, der Hitler-Freundin Winifred, und eine neu entflammte Diskussion um die Auswirkungen von Wagners Werk auf den "Führer". Der Festspielchef drehte durch und bezeichnete seine Kritiker als "faschistisch und rassistisch".

In diesem Jahr nun gibt die Verwandtschaft des früh verstorbenen Bruderrivalen Wieland eine große Vorstellung. Die Wieland-Tochter Nike, streitbare Intellektuelle, die offen ihre Ansprüche auf die künstlerische Leitung der Festspiele anmeldet, hat in ihrem Buch "Wagner-Theater" das Werk des Urgroßvaters und die Geschichte des Clans pointiert aus ihrer Sicht interpretiert (siehe Rezension unten).

Lebensbeichte und einstweilige Verfügungen

Aber viel mehr erhitzen sich die Gemüter an dem Buch "Hinter Wahnfrieds Mauern", das die FAZ-Kulturkorrespondentin Renate Schostack über und für Wielands Gattin Gertrud Wagner geschrieben hat. Eine Mischung aus später Lebensbeichte und Familiensaga, die manchen Bewohnern und Gästen im Hause Wahnfried empfindlich nahegeht. So sehr, daß sich beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe zum Erscheinungstermin Mitte Juli die Unterlassungserklärungen und einstweiligen Verfügungen stapeln. Wolfgang Wagner untersagte der Autorin, aus seinen Briefen wörtlich zu zitieren. Die Sängerin Anja Silja will die Passagen gestrichen sehen, in denen ihre Liebesaffäre mit Wieland geschildert wird. Eine pikante Stelle im Buch ist bereits jetzt von weißen Absätzen durchbrochen: Gertrud hatte ihren Gatten bei einer sexuellen Ausschweifung "innerhalb ihrer häuslichen Wände", in flagranti erwischt. Die Damen setzten juristisch durch, anonym bleiben zu dürfen. Auch Gertrud Wagners Kinder Nike, Wolf-Siegfried ("Wummi") und Daphne sind gegen die Veröffentlichung vorgegangen und wollen erreichen, daß im Erinnerungsbuch ihrer Mutter nicht aus den unveröffentlichten Briefen Wielands zitiert wird, gewisse Photos aus dem Familienalbum nicht gedruckt werden. Nike Wagner, so der Verlag, habe sogar angefragt, was es koste, die gesamte Auflage des Buchs aufzukaufen. Makabre Fußnote: Gertrud Wagner kann den Anfechtungen nichts mehr entgegensetzen. Sie ist am 12. Juli, kurz vor der Auslieferung des von ihr initiierten Werks, gestorben.

Lange hat sie geschwiegen und ist gegen Ende ihres Lebens doch noch mit ihrer persönlichen Wahrheit über die Künstlerära ihres Mannes an die Öffentlichkeit gegangen: Mit ihrer Tanzausbildung habe sie als gleichberechtigte Partnerin an Wielands Seite entscheidend mitgewirkt am Neu-Bayreuther Inszenierungsstils. "Diese Arbeit, die die meine war, lief unter seinem Namen." Gertrud - die künstlerisch verkannte Witwe.

Dementsprechend ist das Bild nicht immer günstig, das in dem Buch von Wieland Wagner entworfen wird. Ein steifer, angstbesetzter und verklemmter Jüngling erscheint da, der schwärmerische Hitler-Verehrer, der mit seinem Bruder Wolfgang um die Gunst des Führers buhlt, schließlich der skrupellose Don Juan, der seine Frau demütigt und die künstlerischen Erfolge trotz gemeinsamer Arbeit immer nur auf seinen Namen bucht. Seine Aufarbeitung der Moderne unmittelbar nach dem Krieg, von Freud und C. G. Jung bis Picasso und Klee, wird als reine Legende entlarvt.