Gegen dieses Buch läßt sich vieles sagen. Aktuelle Entwicklungen werden zu Megatrends hochgeschrieben. Die Klagen über den Reformstau und das zu stark ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis sind alles andere als überraschend. Und dann auch noch die martialischen Metaphern ("soziale Handgranate", "Minenhund"), ein Übermaß an Zitatenschnipseln aus Zeitungen und wissenschaftlicher Literatur, so daß sich manche Kapitel lesen, als seien sie von einem Ausschnittdienst zusammengestellt worden, grundlegende Widersprüche, zuweilen auch ausgesprochen skurrile Erklärungen - die Autoren schrecken vor nichts zurück. Nur auf wirklich neue Ideen, mit denen die Strukturkrise der deutschen Volkswirtschaft zu überwinden ist, hofft der Leser vergebens.

Doch trotz aller stilistischen und sachlichen Mängel übt das Buch einen Reiz aus, sich mit dem Inhalt eingehend auseinanderzusetzen. Mit ihrem neuen Werk "Die zweite Wende" legt das Autorengespann Herbert Henzler, Unternehmensberater und Chef der deutschen Niederlassung von McKinsey, und Lothar Späth, Expolitiker und inzwischen erfolgreicher Spitzenmanager des Jenoptik-Konzerns, bereits den dritten gemeinsamen Titel vor. Die beiden schriftstellernden Manager ziehen den Leser in ihren Bann, indem sie ein furioses Bild des künftigen globalen Wirtschaftens entwerfen:

Der rasante weltweite Strukturwandel wird sich noch weiter beschleunigen, die Innovationszyklen werden fortwährend kürzer, und immer mehr Konkurrenten aus der Dritten Welt werden den Deutschen und anderen Europäern Anteile auf dem Weltmarkt streitig machen.

"Datennetzwerke", "Effizienzrevolution", "Dematerialisierung" sind die Schlagwörter, mit denen Henzler und Späth Zukunftsängste wecken, aber zugleich auch Optimismus verbreiten. "Globalisierung, Informationstechnologie und Dienstleistung ergeben in ihrer Gesamtheit mehr als die Summe ihrer Einzelteile: Aus immer neuen Fortschreibungen und Dominoeffekten erwächst eine neue Welt mit neuen Möglichkeiten." Die Verfasser plädieren mit Überzeugungskraft für ein "Bündnis des Wandels". Sie predigen die Bereitschaft zum Risiko, schwärmen von Flexibilität. Mit einer Fülle erfolgreicher Beispiele wollen sie Lust auf Selbständigkeit machen, denn daran mangelt es hierzulande. Und weil Mißerfolge nicht in ihre Strategie "moralischer Aufrüstung" passen, verschweigen sie die Insolvenzrekorde.

Die erste Wende - nach der Wiedervereinigung - war den Deutschen mißlungen, weil sie auf den Osten ein Modell des "marktwirtschaftlichen Wohlfahrtsstaats" übertragen haben, das sich im Westen "bereits überlebt hatte". Jetzt müsse die "zweite Wende" folgen, in der die Fehler der ersten fürs ganze Land ausgebügelt werden müßten.

Je weiter Prognosen in die Zukunft reichen, desto wahrscheinlicher wird es, daß sie sich als falsch erweisen werden. Dennoch drängt sich dem Leser die Frage auf, wie sein Leben und sein Berufsweg in der von den beiden Visionären Henzler und Späth beschriebenen Welt aussehen werden.

* Herbert A. Henzler/ Lothar Späth: Die zweite Wende Wie Deutschland es schaffen wird