Im Rückblick auf das zu Ende gehende Jahrhundert erweisen sich für die deutsche Philosophie die zwanziger Jahre als das fruchtbarste Jahrzehnt - mit Wittgensteins "Tractatus", mit Lukács' "Geschichte und Klassenbewußtsein", mit Cassirers "Philosophie der symbolischen Formen", Schelers "Die Wissensformen und die Gesellschaft", Plessners "Die Stufen des Organischen und der Mensch" und, natürlich, mit Heideggers "Sein und Zeit". Kurz darauf, im Jahre 1929, erschien in den USA ein Buch von ähnlichem Rang: "The Quest for Certainty", das einflußreichste Werk von John Dewey, der damals mit siebzig Jahren auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand. Es hat lange gedauert, bis dieser populäre Klassiker des Pragmatismus nun in der deutschen Übersetzung von Martin Suhr vorliegt. Heute ist Dewey (1859-1952) in aller Munde. Auch in Deutschland ist "Pragmatismus" inzwischen vom Schimpfwort zur Auszeichnung avanciert. Die verzögerte Rezeption erinnert freilich an das asymmetrische Verhältnis zwischen Dewey und seinen deutschen Kollegen.

Während Dewey schon als junger Student auf dem College seiner Heimatstadt Burlington (Vermont), einer Hochburg der Transzendentalisten, mit Kant, Fichte, Schelling und Hegel vertraut gemacht wurde, ist die Saat seines eigenen, gewissermaßen naturalisierten Hegelianismus erst spät in der Heimat des deutschen Idealismus aufgegangen. Erst ein, zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist hier der Pragmatismus als lange verkannte Variante des Junghegelianismus und als Quelle wahlverwandter philosophischer Motive ernst genommen worden. Wie sich an den Erscheinungsdaten der Übersetzungen ablesen läßt, war selbst dieser Prozeß der Aneignung in den frühen sechziger Jahren zunächst stärker auf Charles Sanders Peirce und George Herbert Mead als auf Dewey und James konzentriert. Heute bildet der Pragmatismus in seinen verschiedenen Lesarten die transatlantische Brücke für einen lebhaften philosophischen Austausch in beiden Richtungen. Wer "Die Suche nach Gewißheit" mit einem rezeptionsgeschichtlichen Interesse liest, findet darin die Erklärung für die Spannungen und Mißverständnisse zwischen Dewey und jenen drei Traditionen, die ihm hierzulande, wenn auch in jeweils anderen Hinsichten, noch am nächsten standen.

Dewey richtet den Blick auf die Alltagspraxis, in der die Leute mit der Realität "zurechtkommen" und "fertig werden" müssen. Damit gewinnt die Kategorie des "Handelns" einen unerhörten philosophischen Rang. Vor allem richtet Dewey seinen philosophiehistorisch belehrten Blick auf die Nahtstellen zwischen Erkennen und Handeln, um der Philosophie eine neue Rolle zuzuweisen. Er propagiert die Umkehr aus der Weltflucht der klassischen Theorie zum innerweltlichen Engagement. Wissenschaft und Technik beschleunigen unaufhaltsam die Prozesse der Naturbeherrschung und der industriellen Entwicklung.

Hier zeigt sich, wie Wissen praktisch werden kann, weil es von Haus aus auf Praxis angelegt ist. Hingegen befinden sich Politik und Erziehung, die Zivilisierung des Umgangs und die Kultivierung des Geschmacks, überhaupt die Selbstorganisation der Gesellschaft in einem kläglichen Zustand, weil eine vergleichbar intelligente Anleitung fehlt - und die Philosophie versagt.

Statt die Kluft zwischen dem Höheren und dem Niederen zu stabilisieren, sollte sie der vermeintlichen Gewißheit reiner Theorie entsagen. Die Philosophie muß sich auf die Herausforderungen der kontingenten Welt einlassen und mit den Wissenschaften eine Kooperation eingehen, statt sich ihnen gegenüber fundamentalistisch zu verhalten. Nur so kann sie für die "Formen des sozialen und persönlichen Handelns" Horizonte von gesicherten Möglichkeiten artikulieren. Mit dieser Revolutionierung des Selbstverständnisses der Philosophie hatte sich Dewey zwischen alle Stühle gesetzt.

Die Frontstellung gegenüber dem logischen Empirismus Carnaps und Reichenbachs ist kaum weniger ausgeprägt als die Gegensätze zum philosophischen Idealismus von Scheler und Heidegger oder zum Antiszientismus von Horkheimer und Adorno.

In den USA wird Deweys Philosophie schon im Laufe der dreißiger Jahre von der aus Österreich und Deutschland vertriebenen analytischen Wissenschaftstheorie abgelöst. Zwar hatten die Emigranten für den "wissenschaftlichen Geist", den sie im Umkreis der Pragmatisten antrafen, große Sympathie und bemühten sich um die Mitarbeit Deweys an ihrem Projekt der Einheitswissenschaften. Aber als der achtzigjährige 1939 mit dem ersten Band der inzwischen berühmt gewordenen "Library of Living Philosophers" geehrt werden sollte, waren die Stimmen der Empiristen - wie Hans Reichenbachs Beitrag zeigt - schon recht kritisch. Es gab zwei wesentliche Differenzen.