Berlin

Gleich neben den Glückwunschkarten hängt ein himmelblaues Plakat: "Bestseller-Liste Ost" steht über je zehn Belletristik- und Sachbuchtiteln, ermittelt "in über hundert Buchhandlungen der neuen Länder und Berlins". Die Buchhandlung wort & werk im Prenzlauer Berg gehört dazu. Heidrun Engelmann leitet sie: "Die Ost-Liste zeigt, was wir wirklich verkaufen, sie steht für eine andere Befindlichkeit und ein anderes Leseverhalten." Die Spiegel-Liste, nach der die meisten Buchhändler ihren Bestsellertisch dekorieren, sucht man in dem kleinen Kiezladen vergebens.

Heidrun Engelmanns Erfolgsautoren heißen Gregor Gysi, Hans Modrow und Frank Schöbel. "Den Schöbel muß mein Kollege in Neukölln gar nicht erst hinstellen", erzählt sie. Dort, im Westen Berlins, hat die Ost-Buchkette wort & werk seit einem Jahr eine Filiale. Dort, im Westen, ist das Interesse an Schöbels "Frank und frei", der Autobiographie des sechzehnfachen Jahressiegers der DDR-Schlagerparade und zehnfachen DDR-"Fernsehlieblings", gleich Null. Weil das so ist, weil die Deutschen "in den Köpfen eben nicht vereint" sind, wie Leseforscher Bodo Franzmann von der Stiftung Lesen in Mainz es nennt, "sollen unterschiedliche Interessen auch getrennt erhoben" werden.

Darum bemühen sich zwei spezielle Ost-Bestsellerlisten: Michael Hinze vom Presse- und Literaturbüro Libresso Berlin fragt neben Heidrun Engelmann noch rund hundert Buchhändler zwischen Anklam und Zella-Mehlis, Aschersleben und Zittau nach den meistverkauften Hard-cover-Titeln des Monats. Er fragt für Das Magazin, das schon zu DDR-Zeiten sehr beliebt war: eine Zeitschrift mit guten Photos, Reportagen, Geschichten - fast nur unterm Ladentisch zu haben, "Bückware" also. Abonnements verstorbener Leser wurden sogar vererbt.

Werden Ost-Titel im Westen bewußt draußen gelassen?

Heute wird die Magazin-Liste von der Presseagentur ADN, dem Mitteldeutschen Rundfunk, dem Branchenblatt BuchMarkt und sechs Tageszeitungen übernommen.

Die zweite Ost-Bestsellerliste erhebt Annemarie Görne, ebenfalls monatlich, für das Neue Deutschland. Bei ihr laufen derzeit Meldungen ein, daß das gesamtdeutsch hochgehandelte Sachbuch "James Camerons Titanic" im Osten Konkurrenz bekommt: Auf dem Weg nach oben ist der Report "Katastrophen auf See. Die Seeunfälle der zivilen DDR-Schiffahrt". Obwohl Annemarie Görne nur fünfzig Buchhandlungen befragt und auch Taschenbücher aufnimmt, sind die Spitzenplätze auf den Ost-Listen gleich besetzt: Ingo Schulzes "Simple Storys" vor Brigitte Reimanns Tagebuchband "Alles schmeckt nach Abschied".