Der Aufbau Taschenbuch Verlag hat sich ins Zeug gelegt. Kaum ist die dritte Henry-James-Verfilmung innnerhalb von nur zwei Jahren in den Kinos angelaufen, verlegt er schon den Text zum Film. Nach Jane Campions Opus "Portrait of a Lady" (opak, gefaßt wie ein Opal und opulent wie ein Collier für Lady Di) und Agniezska Hollands "Washington Square" (ein Kammerspiel - aber es kesselt!) erscheint nun "Die Flügel der Taube" im Lichtspielhaus. Und schon sind wir dabei: eine Übersetzung mit schönen Stellen direkt aus der Hebebühne deutscher Sprache ("Milly konnte letzten Endes doch nichts sagen

so daß sie mit ihrer Erkenntnis vorläufig nur bis zu dem Punkt gelangt war, dem das Eintreffen ihrer Besucherin in ihren Augen eine so markante Bedeutung verliehen hatte, mit der Wahrheit, daß sie beneidenswert kräftig war"). Und einem Mittelteil mit Filmphotos und Untertiteln, die auf der Zunge zergehen: "Melancholie spiegelt ihr schönes Antlitz wider: Millie Theale hat Todesahnung." Henry James, wie man nicht müde wird zu wiederholen, ist "der Shakespeare der Romanliteratur". "Die Flügel der Taube" ist selbstredend "die Krone seines Schaffens", das Kino verleiht ihr den letzten Schliff, und der Aufbau Taschenbuch Verlag reicht den Straß für den Hausgebrauch nach.

Bei Todesahnung denken wir an Venedig. Richtig! Denn nur in Venedig weinen die Steine die Tränen des Todes, schaukeln die Gondeln sacht auf den Wogen der Leidenschaft, blaut der Himmel bis spät in die Nacht und gurren die Tauben, ohne zu scheißen. Nur dort sieht eine Kranke auf einer Chaiselongue wie eine Postkarte von Tizian aus und eine Pension für Studenten wie eine Fundgrube bildhauerischen Schaffens. Dort kann sich also programmgemäß entfalten, was Regisseur Iain Softley sich vornahm: einerseits eine Verfilmung in der "Tradition des Film Noir", andererseits aber das "Gegenteil einer stilistischen Zwangsjacke". Das wäre ein geblümter seidener Hausmantel, und das ist wahr gesprochen.

O Ausstattung, o Schutz vor ihr! Denn ganz gewiß sind die Darsteller (Charlotte Rampling, Linus Roache, vor allem aber Helena Bonham Carter) zu mehr und anderem fähig, als in der Großaufnahme mit Mundwinkeln und Lidern zu zucken, berauschende Kleider (Ausstattung: Sandy Powell) zu präsentieren und so albern zu lachen, wie es nur junge Mädchen in Kostümschinken, dann aber grundsätzlich und immer wieder tun. Und sowieso gäbe die Geschichte von Henry James (ein Dreieck aus Berechnung, Machtwillen und Liebe) mehr her als 101 Minuten edelster Atmosphäre für die gebildeten Stände. Aber warum sich die Mühe machen? Wir alle sind gern in Venedig, zumal ohne dicke, verschwitzte Pauschaltouristen in Boxershorts und Turnschuhen, die immer gerade dann durchs Bild laufen, wenn die Sonne direkt auf Santa Maria della Salute scheint. So können wir Henry James dankbar sein, daß sein Roman in London und Venedig spielt und nicht in Rostock und am Timmendorfer Strand. Das wäre kein so schöner Film geworden!