Mit dem Geist der Moderne

Bayreuth und seine Erschöpfungskrise. Nächstes Jahr tritt der Hausherr Wolfgang Wagner, allzeit noch rüstig, in sein neuntes Jahrzehnt. Während die Familie, kein Wunder, längst begonnen hat, "um seine Festung zu streichen und ihre Krallen zu schärfen". So Nike Wagner in ihrem gewichtigen Buch, das dem dreifachen Nachleben ihres Urgroßvaters in Werk, Welt und Familie nachspürt.

Ist es also geschrieben und gemeint als Kampfansage an das auf dem Hügel grün vermodernde Ancien Régime? Ja und nein. Nein und ja.

Zunächst einmal demonstriert Nike Wagner in einer Serie von Werkanalysen ihre intellektuelle Kompetenz in Sachen Wagner, dann aber, im zweiten Teil, auch emotionale Souveränität in ihrer Darstellung der Familiengeschichte seit Cosimas Zeiten. Denn dabei gerät sie selbst ins Bild, aber auch das bedeutendste Scheusal unter allen Wagnerianern, Adolf Hitler, Hausfreund bei Großmutter Winifred, der Onkel Wolf und Förderer des Vaters Wieland. Was alles zurückliegt vor der Geburt der dennoch unschuldig schuldbewußten Autorin. Da schreib' sich einer durch und brech' sich nicht den Hals dabei.

Doch zum Glück (und Unglück) bietet ja schon Wagners Werk die dramatischen Muster für alles, was er angerichtet hat in der Welt, auch in der Geschichte seiner Nachkommen, die von Mutterbindung und ödipalen Konflikten, von Bruderzwist, Machtraub, Verstoßungen und Versöhnungen so gezeichnet und gebeutelt ist wie schon die Werke des Meisters. Was Nike Wagner weidlich nutzt, um Werkexegese, Familien- und Weltgeschichte ineinanderzublenden in einem Erkenntnisprozeß. Das macht den Rang und Reiz ihres Buches aus, ja, hält es erst eigentlich zusammen. Zwei Grundmuster vor allem sieht sie in Wagners Werk wie in der Wagnerschen Nachwelt walten: das Ring- und das Gralsprinzip. Von Raub, Rebellion, Untreue, Vertragsbruch, Umsturz bis hin zu einer immer neuen Götterdämmerung handelt das eine. Das andere feiert Rituale des Stillstands, des ersehnten oder erschlichenen Heils, der selbstzufriedenen Erstarrung. Keine Frage, im Lichte oder Schatten welchen Prinzips der gegenwärtige Zustand Bayreuths begriffen wird.

Doch um alles auf den Antagonismus nur dieser beiden Formeln zu zwingen, dazu ist Nike Wagners Denk- und Schreibtemperament zu beweglich, zu neugierig.

Wenn sie die Nachwehen einer romantischen Universalpoesie entdeckt im "Lohengrin", wenn sie ihre (höchst anfechtbare) These vom einsamen Liebestod Tristans und Isoldes entwickelt und verschärft oder dem inzestuösen Gewühl im "Ring" neue Einsichten abkämpft, dann kann und will sie sich einlassen nur auf diese Werkzusammenhänge, dann sucht sie auch kaum Nutzanwendungen über sie hinaus.

Im knappen essayistischen Zugriff solcher auf wenige Seiten konzentrierten Texte operiert ihr Talent und Temperament am glücklichsten. Weniger überzeugend, wenn mit akademischem Aufwand und Ehrgeiz versucht wird, Witz und Humor der "Meistersänger" zurechtzudefinieren mit dem Instrumentarium der Jean Paulschen Ästhetik und Freudschen Psychoanalyse. Oder gar, wenn Leben, Leistung und Karriere des Bayreuth-Erneuerers Wieland Wagner mit der Hegelschen Kategorie der Negativität auf ein Schema verpflichtet werden soll.

Mit dem Geist der Moderne

Und doch verrät sich in dieser auch anrührenden Skizze im Zentrum des Buches dessen offenbares Geheimnis: Hier schreibt nicht nur die intellektuellste aller Wagner-Nachfahren, die sich als einzige nämlich gründlich auseinandergesetzt hat mit dem Geist der Moderne, sondern vor allem Wielands Tochter, ihn richtend und verstehend, so befremdet wie bewundernd. Auf seinen Spuren, seine umkämpftesten Inszenierungen vor Augen, bohrt sie also ihre intensivsten Gedankengänge gerade in "Tannhäuser", "Meistersinger" und den tief unbehaglichen "Parsifal".

So muß man sicher auch die brillante Durchmusterung der Familiengeschichte vor allem lesen als ein Exerzitium, das die Voraussetzungen, die fatalen Bedingungen und auch trüben Folgen der Wielandschen Lebensleistung klären soll, dieser Arbeit im Widerstand, ohne die sich Bayreuth und wohl auch Wagner kaum noch erholt hätten vom zweiten Untergang eines deutschen Reiches, diesmal des braunen.

Immer wieder verschlägt es dem Leser den Atem, wenn ihm vorgeführt wird, in welche ungeheure Bayreuther Enge die ungeheuerliche Weite des Wagnerschen Werks in der ersten Jahrhunderthälfte eingeklemmt war und so gehegt, "gepflegt" und fast erstickt wurde. Nichts sollte und durfte von draußen eindringen in diesen hermetisch verspießten Wahnfried-Hof (den die Autorin inzwischen mutiert sieht zum Wahn-Friedhof). Nichts, nicht einmal Kammermusik geschweige denn die Provokationen der Moderne. Nichts, außer eben Wolf Hitler und seine "Bewegung", sie als einzige Zeugen des 20. Jahrhunderts.

Wie sich in diesem explosiven Idyll, in diesem Mief und Glanz dann die Personal- und Prinzipienkonflikte ständig stauen und entladen, die sich auch im Wagnerschen Werk ballen, wie dabei Pathos umschlägt in Jammer, Elend, aber auch Komik - das alles findet in Nike Wagner eine hochengagierte Chronistin, die aus ihren Sympathien und Antipathien zwar keinen Hehl macht, aber auch großzügig, tolerant historische Barmherzigkeit walten lassen kann.

Nachgeboren zu sein und machtlos schärft ja das Gewissen, aber auch die Ironie, und die will nicht in allem recht behalten. Nur die stille Wut angesichts Onkel Wolfgangs robustem Umgang mit Richards Erblast und Wielands Vermächtnis, das wütende Staunen über die Hausmannskost seiner Inszenierungskünste, die lassen sich nicht beschwichtigen, nicht übertönen von allen Bemühungen um Fairneß und Nachsicht.

Am Ende dieses kämpferischen Buches behalten Trotz und Resignation das letzte Wort: die Einsicht, daß nur öffentlicher Widerspruch möglich ist, wo praktisches Eingreifen verwehrt ist. Denn Bayreuth, das heutige und offiziöse, abgesichert durch Verträge, List und Starrsinn, wird alle Generationenkonflikte und Regenerationsansprüche sicher weiter aussitzen.

Schon weil es sie und ihre Legitimation gar nicht wahrnimmt.

Mit dem Geist der Moderne

Nike Wagner:

Wagner Theater

Insel Verlag, Frankfurt am Main 1998

437 S., Abb., 48,- DM