Der Urlaub ist den Deutschen heilig, auch deutschen Politikern. Keine siebzig Tage mehr zur Wahl, und Bonn ist leerer denn je. Genau drei Abgeordnete bot die SPD-Fraktion auf, als sie die Presse zur alljährlichen Dampferfahrt lud.

Auch die CSU ließ auf ihrem "Pressetreffen" die Journalisten vorwiegend auf ihresgleichen treffen: Im Gegensatz zu früher schauten weder Waigel noch Stoiber vorbei. Nein, ein Sommer wie jeder andere ist dieser nicht. Es ist ruhiger.

Noch vor wenigen Wochen hieß es: Alle Mann an Bord! Manch Zentralredaktion verhängte Urlaubssperren. Nun stehen sie da, die zur Arbeit gezwungenen Korrespondenten, schwenken ratlos ihre Tennistaschen und sitzen in großen Runden im Garten des Bundestagsrestaurants und spielen Karten.

Niemand hatte es erwartet, aber die Jahrhundertwahl nimmt sich einfach eine Pause, so wie Kriege unterbrochen werden, wenn sich das Rote Kreuz den Weg durch die Gräben bahnt.

Der Mensch liebt Spielregeln, so wie er überhaupt kultivierter ist, als es zuweilen den Anschein hat. Inmitten der Wehklagen über den sittlichen Verfall des Gemeinwesens meldet der Deutsche Bundestag, daß sich zumindest im Parlamentarismus die Dinge zum Guten entwickeln: Das Präsidium des Hohen Hauses rief die Abgeordneten neunzehnmal seltener zur Ordnung als in der vergangenen Legislaturperiode. Gesunken ist nicht nur die Anzahl der Rügen, sondern auch das Gewicht ihrer Gegenstände. Ordnungsrufe erteilten die Präsidenten für Harmlosigkeiten wie "Alternder Lümmel" (Abg. Scholz, CDU, über Abg. Schily, SPD), für "Professoraler Quatschkopf" (Abg. Fischer, Grüne, über Abg. Scholz, CDU), sogar für "Sie August" (Abg. Andres, SPD, über unbekannt).

Als nicht vereinbar mit dem parlamentarischen Sprachgebrauch qualifizierte das Präsidium ferner Bezeichnungen wie "Verleumder" (Abg. Grill, CDU/CSU, über Abg. Fischer, Grüne), "Fälscher" (Abg. Ramsauer, CDU/ CSU, über Abg.

Gysi, PDS) und "Brandstifter" (Abg. Poß, SPD, über Abg. Westerwelle, FDP).