Sterbehilfe wird seit vielen Jahren diskutiert, bei uns und im Ausland, und mit spektakulären Fällen in der Öffentlichkeit. Ein kompliziertes Geflecht aus Medizin und Moral, Recht und Politik. Wann darf ein Arzt dem Wunsch des Patienten nachgeben, die Schmerzen und das Leid zu verkürzen? Was ist wichtiger? Der Wille des Kranken oder die Pflicht zur Erhaltung von Leben? Wo sind die Grenzen der "Autonomie" des einzelnen? Hier, wo das Wort Euthanasie das Recht auf einen guten Tod meint, wirft unsere unselige Vergangenheit Schatten bis in die Gegenwart und stärkt die Scheu, Schleusen zu öffnen und eine Entwicklung in Gang zu setzen, die zurückführen könnte zu den nationalsozialistischen Greueln gegenüber "unwertem Leben". Eine juristische Gratwanderung verläuft zwischen strafloser Beihilfe zum Selbstmord und strafbarer Tötung auf Verlangen, wenn ein Arzt die hochtechnisierten Appartate abschaltet, die einen todkranken Menschen gegen seinen Willen künstlich am Leben halten.

Die sogenannte passive Sterbehilfe hat auch in der Bundesrepublik schon mehrmals Gerichte beschäftigt, zumeist die Strafgerichte. Jetzt hat endlich auch ein mutiges Zivilgericht entschieden, was der Gesetzgeber bisher nicht zu regeln gewagt hat. Letzte Woche entschied das Oberlandesgericht Frankfurt am Main, daß Vormundschaftsgerichte dann eine passive Sterbehilfe genehmigen dürfen, wenn sicher ist, daß dies dem vorher erklärten oder dem mutmaßlichen Willen des Patienten entspricht. Eine 85 Jahre alte Frau liegt seit über einem halben Jahr in einem Frankfurter Krankenhaus im Koma nach einem Hirninfarkt. Sie kann sich nicht mehr bewegen und verständigen. Ihre Tochter hatte beim Vormundschaftsgericht die Genehmigung zur Einstellung der künstlichen Ernährung beantragt, wie es dem vorher erklärten Willen ihrer Mutter und der Empfehlung der Ärzte entsprach. Aber das Amtsgericht und das Landgericht lehnten ab, weil es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt.

Das Oberlandesgericht hat die Entscheidungen aufgehoben und gesagt, die Genehmigung müsse erteilt werden, wenn die Tocher nachweisen kann, daß die Sterbehilfe dem Willen der Mutter entspricht. In einem solchen Fall sei der Konflikt zwischen der Achtung des Lebens und der Selbstbestimmung des einzelnen zugunsten des betroffenen Menschen zu entscheiden. Hier, im Zwischenbereich von Leben und Tod, darf der Kranke sagen, daß er nicht mehr will, und der Arzt darf ihm folgen. Wenn der Patient dazu nicht mehr in der Lage ist, dürfen es die Angehörigen oder diejenigen, denen vom Vormundschaftsgericht die Betreuung übertragen ist. Ein kleiner Schritt weiter auf dem Weg zur Achtung der Würde des Menschen.