Khartum
Vor einem Jahrzehnt erlebte die Welt die erste vom Fernsehen übertragene Hungersnot. Damals begannen Zehntausende von Äthiopiern zu sterben. Wer wird je den Anblick der wandernden Skelette oder der Dorfkinder vergessen, die mit ihren aufgeschwämmten Bäuchen aussahen, als seien sie schwanger? Nun entwickelt sich in einem Nachbarland eine Katastrophe mit ähnlich verhehrenden Folgen. Fast zwei Millionen Menschen sind bereits während der Hungersnot und des fünfzehnjährigen Krieges im Sudan gestorben. Jeden Monat werden Hunderte von Menschen gefangengenommen und in die Sklaverei verkauft. Doch die Welt unterdrückt ihren Zorn und ihr Mitgefühl.

Die Not hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, und eine neue Serie von Überfällen der Sklavenfänger verschärft die Tragödie. In einer Kampagne der verbrannten Erde gegen Teile des Südsudan fangen bewaffnete Männer Hunderte von Menschen und verkaufen sie in die Sklaverei. Diejenigen, die dem Unheil entkommen konnten, sind in die Sümpfe getrieben worden, wo die Malaria wütet und so gut wie keine Nahrung und kein Schutz zu finden sind. Ihre spärlichen Besitztümer, ihr Vieh und die Ackergeräte haben die Mörderbanden vernichtet. Doch die Welt schenkt diesen Grausamkeiten kaum Aufmerksamkeit.

Die Menschen im südlichen Sudan befinden sich auf einem sinkenden Schiff, dessen Rumpf die Angreifer durchlöchern. Es ist eine Entwicklung, der kein Land zusehen kann, das sich als human bezeichnet. Und doch, selbst in der elementarsten Weise, in der die Welt helfen kann - indem sie Nahrung und humanitäre Hilfe schickt -, hat sie versagt und achtzig Prozent der Anforderungen der Vereinten Nationen zugunsten der Opfer im Sudan nicht erfüllt.

Während eines Besuchs des sudanesischen Hungergebietes wurde ich Zeuge des nahezu aussichtslosen Kampfes der Sudanesen ums Überleben. In den Sümpfen, in die sie getrieben wurden, rösten die Flüchtlinge die Wurzeln von Wasserlilien, um wenigstens etwas zum Essen zu haben. In den "Todesfeldern", wo die marodierenden Banden die Häuser ansteckten und die Dorfbewohner vertrieben, pikken Aasgeier an den Knochen von Leichen und Viehkadavern. Es ist ein Anblick, der krank macht.

In den Verpflegungszentren der humanitären Helfer sah ich Hunderte von geplagten Menschen. Viele von ihnen hatten ihre Familien verloren, bevor sie ankamen. Ein ausgemergelter Mann hatte mit ansehen müssen, wie seine Frau und seine drei Kinder nach und nach auf dem viertägigen Marsch in die Sicherheit starben. Die meisten der Kinder waren bedrückend ruhig, zu schwach, um ihre Köpfe zu heben, um zu weinen.
Die Angriffe der Banden und die Schwäche der Flüchtlinge haben zur Folge, daß die fruchtbaren Felder des Sudan nicht bestellt werden und deshalb auch im nächsten Jahr keine Nahrungsmittel vorhanden sein werden. Dabei könnten die sudanesischen Äcker der Brotkorb für ein Viertel der Bevölkerung Afrikas sein.

Die Krise eskaliert von Woche zu Woche. Ihre Opfer sind hilflos und verlassen. Sie verlieren ihr Leben, während die Welt gleichgültig wegschaut, obwohl es Terror wie diesen seit Jahren nicht gegeben hat.

So schnell wie möglich brauchen die Menschen im südlichen Sudan Nahrungsmittel - und zwar so viel, daß sie nicht den Rest des Saatguts konsumieren, das ihnen übriggeblieben ist. Es bricht einem das Herz, wenn man die Hungernden mit ihren spindeldürren Beinen laufen sieht, um zu einem Sack mit Nahrungsmitteln zu gelangen, der aus der Luft abgeworfen wurde. Es bedeutet sowenig für die, die diese Nahrungsmittel schicken. Doch für die verzweifelten Menschen ist diese Hilfe die einzige Chance zum Überleben.