Eine Lehrerin darf nicht unterrichten, weil sie ein Kopftuch trägt?

Sajidah Abdus Sattar fragt zweimal nach, ob es tatsächlich stimmt, was sie aus Deutschland gehört hat. "In Holland gäbe es einen Aufschrei bei solch einer Entscheidung - und nicht nur unter den Muslimen", sagt die ehemalige Sprecherin des Niederländischen Islamischen Rates, der Vertretung der rund 550 000 Muslime im Land. Muslimische Lehrerinnen, ob mit oder ohne Kopftuch, sind in den Niederlanden gefragt. Denn die islamischen Schulen leiden unter Personalmangel.

Insgesamt 29 islamische Grundschulen unterrichten in Holland den muslimischen Nachwuchs, im September eröffnet in Amsterdam das erste islamische Gymnasium.

In den staatlichen Schulen ist Islamkunde neben katholischem, protestantischem und jüdischem Religionsunterricht reguläres Lehrfach. Für den Lehrermangel - das bislang größte Problem - hat man ebenfalls eine Lösung gefunden: Im kommenden Jahr werden die ersten islamischen Religionspädagogen mit einem staatlichen Zertifikat die Fachhochschule in Amsterdam verlassen.

Hollands Minderheitenpolitik ist seit Ende der siebziger Jahre ganz auf Integration ausgerichtet, um die meist muslimischen Einwanderer heimisch werden zu lassen. Es gibt islamische Kindergärten und Friedhöfe, islamische Altersheime und Radioprogramme. Sie werden öffentlich finanziert und stehen unter staatlicher Kontrolle.

In Holland trägt die Krankenkasse die Kosten für die Beschneidung muslimischer Jungen. Islamische Frauen, die einen Arzt aufsuchen, um vor der Ehe das Jungfernhäutchen wiederherstellen zu lassen, müssen den Eingriff nicht selbst bezahlen. Hinter dieser Politik steht ein Gesellschaftsmodell, das die Holländer Versäulung nennen. Um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten, räumt der Staat den religiösen und weltanschaulichen Gruppen - den Säulen der Gesellschaft - großen Freiraum ein. Was einst für Katholiken und Protestanten, später für Sozialisten oder Juden galt, davon profitieren heute die Muslime.

Die Mischung aus Toleranz und Kontrolle macht auch vor den Moscheen nicht Halt. So hat die Regierung die islamischen Gemeinschaften und die Universitäten aufgefordert, bei der Ausbildung der Imame in den Niederlanden zusammenzuarbeiten