Die Wogen hatten sich geglättet, die Fronten schienen begradigt. Zum 50.

Jahrestag des mißlungenen Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 herrschte, von ein paar Querelen rund um die zentrale Gedenkstätte in der Berliner Stauffenbergstraße abgesehen, weitgehend Einigkeit: Jeder, der im Kampf gegen Hitler sein Leben gewagt hatte, sollte Anspruch haben auf einen Ehrenplatz im deutschen Pantheon. Nun, da mit der Diskussion um das sogenannte "Schwarzbuch des Kommunismus" die Frage nach der Vergleichbarkeit von Stalinismus und Nationalsozialismus wieder aktuell geworden ist, glauben manche, auch die Rolle der Kommunisten im Widerstand gegen Hitler neu bewerten zu müssen.

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren galten erst einmal alle Widerstandskämpfer, gleich welcher Couleur, als Hochverräter. Angehörige, die sich gegen die kollektive Verdrängung zusammenschlossen, sammelten Erinnerungen, Briefe, Photos, blieben mit diesen Memorabilien aber weitgehend unter sich. Um so erstaunlicher ist es, daß der erste Anstoß zu einer Würdigung der Männer und Frauen des Widerstands im Frühjahr 1946 von einer Schriftstellerin kam, die das Thema weder aus ideologischen noch aus familiären Gründen aufgriff, sondern weil sie davon überzeugt war, daß es bei der Suche nach einer neuen Nachkriegsordnung an jene Traditionen anzuknüpfen galt, auf die sich verschiedene Kreise der Opposition gegen Hitler berufen hatten.

Zwei Tage vor dem Attentat, am 18. Juli 1944, hatte Ricarda Huch ihren 80.

Geburtstag gefeiert. Es war still um sie geworden, seit sie mit ihrem spektakulären Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste im April 1933 ihre unzweideutige Haltung gegenüber den Machthabern bekundet hatte. Im Haus ihres Schwiegersohns in Jena, in dem sie seit 1936 lebte, herrschte jenes liberal oppositionelle, christlich geprägte Milieu, dem menschlicher Anstand in den Jahren der Diktatur zur Maxime des Handelns geworden war. Aus diesem Geist entstand unmittelbar nach Kriegsende der Wunsch, die Lebensbilder der Männer und Frauen zu sammeln, die als "Märtyrer der Freiheit" im "Kampf gegen das Böse" ein Zeichen gesetzt hatten.

Das Erbe des Widerstands, schrieb Ricarda Huch in einem 1946 von mehreren deutschen Zeitungen veröffentlichten Aufruf, mit dem sie die Hinterbliebenen um Material für ein Gedenkbuch bat, sei ein Schatz, der die Deutschen "mitten im Elend noch reich macht". "Es soll nicht immer nur von unsern Verbrechen, es soll auch von unserm Heldentum die Rede sein", hieß es in einem erläuternden Brief an Marie Baum. Die Arbeit am Gedenkbuch empfand die Schriftstellerin als letzte große Herausforderung ihres Lebens, und die Angehörigen der Opfer haben es ihr gedankt. "Daß gerade Sie, verehrte gnädige Frau, diese Aufgabe übernommen haben", schrieb Inge Scholl, "wird ein starkes Gegengewicht bedeuten gegenüber all dem Unrat, der schon über die Lieben publiziert wurde."

Fünfzig Jahre nach dem Tod von Ricarda Huch am 17. November 1947 sind die "Bilder deutscher Widerstandskämpfer" in der Form erschienen, die der Autorin vorgeschwebt haben mag. Auch wenn, von den Mitgliedern der Weißen Rose abgesehen, die meisten Portraits Fragment geblieben sind und unsere Kenntnis der Zusammenhänge inzwischen nach anderen, nüchterneren Antworten verlangt, so bleibt die von Wolfgang Schwiedrzik aus dem Marbacher Nachlaß vorbildlich edierte Sammlung als Dokument der "Stunde Null" dennoch beachtlich. Die große alte Dame der deutschen Literatur wollte die "Chance der Niederlage" nutzen und an exemplarischen Lebensläufen die Begriffe von Gut und Böse wieder zurechtrücken. Sich mit solchen Vorbildern zu beschäftigen hätte für die Mehrheit der Deutschen allerdings bedeutet, sich mit dem Nationalsozialismus selbst auseinanderzusetzen und möglicherweise eigenes Versagen zu erkennen.