Im Mai hatten wir ihnen versprochen, wiederzukommen. Ihre Liebenswürdigkeit hatte uns gefangengenommen, ihre kleine, heile Welt hatten wir in unser Herz geschlossen. Die Rede ist von den Waldmünchnern und ihrer Stadt am Rande des Böhmerwaldes, im Landkreis Cham in der Oberpfalz, Grenzort zu Tschechien. Jeder kennt jeden in Waldmünchen, jeder ist in mehreren der unzähligen Vereine, die Jungen sind artig zu den Alten, Arbeitslose gibt es weniger als anderswo. Glatzköpfe, Liberale und Grüne sind unbekannt, und im Stadtrat gehen CSU, SPD und die Freien Wähler friedlich miteinander um.

Im Mai ging es um die Bourbonen und Chateaubriand. Jene waren damals nach Waldmünchen gewallfahrt, um ihren Landsmann zu ehren, der 1833 im "Hotel zur Post" logieren mußte, weil die Österreicher ihm die Fahrt nach Prag verwehrten.

Diesmal ging es abermals um eine Nobilität, um Franz Freiherrn von der Trenck, Obrist im Dienste Maria Theresias. Er war ein wilder Gesell, der mit seinen Panduren den armen Bayern arg zusetzte, sie quälte, erpreßte und wenn es ihm gefiel, auch aufknüpfte. Er trieb es so arg, daß seine Wiener Arbeitgeberin ihm schließlich ihre Gunst entzog. Auf der Veste Spielberg bei Brünn, zu lebenslangem Kerker verdammt, siechte er im besten Mannesalter von 39 Jahren dahin. In der Brünner Kapuzinergruft liegt er wie Schneewittchen in einem (fast) gläsernen Sarg. Schaurig schön!

Das alles ist nun schon lange her, aber die Waldmünchner vergessen nicht. Sie erinnern sich, was damals vor 256 Jahren im September 1742 passierte. "Der Trenck vor'm Tor", nachdem er die Nachbarstadt Cham schon gebrandschatzt hatte.

Karl Jentsch, gebürtiger Böhme, wie Franz Kafka in einer Versicherung tätig, verschlugen die Kriegswirren nach Waldmünchen. Hier dichtete er und verfaßte das Drama "Kriegsnot in der Pfalz". Für 400 Mark verkaufte er 1950 der Stadt das Recht, sein historisches Spiel auf "unbeschränkte Zeitdauer" aufzuführen.

Und seitdem spielen die Waldmünchner jedes Jahr zur Sommerszeit ihren "Trenck".

Der wilde Pandur und die Liebe einer sanften Schönheit Es ist neun Uhr abends. Wir sitzen auf der überdachten Tribüne, vor uns die Bühne, ein großer Platz mit einer uralten Linde. In ihr hockte während der allerersten Aufführung der Souffleur. Da man vergaß, ihn herunterzuholen, war er beleidigt und erschien nicht wieder. Seitdem kommt das Spiel ohne Zuflüsterungen aus. Dahinter die Mauer der Burg mit zwei Toren. Ohne Pause zieht nun ein zweistündiges Spektakel vor uns ab. Sage und schreibe 320 Waldmünchner, möglichst keine Zugereisten, spielen die schaurige Ballade von Trenck, dem Panduren. Der Herold und seine Trompeter (fast wie in Bayreuth) verkünden es in die hereinbrechende Nacht.