In (Wahlkampf-)Zeiten, in denen die Vereinfacher und Polemiker den Ton angeben, ist es ungewöhnlich, wenn Historiker und Politiker gemeinsam "für einen differenzierten Umgang mit historischen Argumenten oder Schuldzuweisungen" werben. Der Historiker Klaus Schönhoven und der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel haben mit Unterstützung des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ein "historisches Lesebuch" zusammengestellt, das an frühe parlamentarische Warnungen vor dem Nationalsozialismus erinnern will. Dokumentiert sind Reden von sozialdemokratischen, liberalen und katholischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten aus der Zeit von 1922 bis 1933, jener entscheidenden Phase also, in der die "Selbstbehauptung" der ersten deutschen Demokratie scheiterte.

Zu Wort kommen Politiker wie Rudolf Breitscheid, Ernst Heilmann, Theodor Heuß, Rudolf Hilferding, Bernhard Letterhaus, Wilhelm Leuschner, Carlo Mierendorff, Otto Nuschke, Kurt Schumacher und August Weber. Nur wenige dieser Namen (wie Heuß oder Schumacher) sind heute noch einem größeren Publikum bekannt, viele von ihnen mußten nach 1933 für ihre kompromißlose Gegnerschaft mit langer KZ-Haft und dem Leben bezahlen. Einige, wie die Gewerkschafter Wilhelm Leuschner oder Bernhard Letterhaus, stehen auch für jene oft unterschlagene nichtmilitärische Traditionslinie eines Teils des Widerstandskreises vom 20. Juli.

Aufregend an diesem sachlich aufgemachten Band ist aber nicht nur die Erinnerung an tragische Biographien, sondern vor allem die Rekonstruktion des moralischen und intellektuellen Niveaus der demokratischen Gegner Hitlers im Parlament. Insofern ist die Publikation tatsächlich "eine Ehrenrettung für das republikanische Deutschland in der Zwischenkriegszeit" (Vorwort).

Doch damit fangen die eigentlichen Fragen erst an. Wenn es so war, wie Schönhoven und Vogel hervorheben, "daß in den Reihen der Sozialdemokratie, des politischen Katholizismus und des Linksliberalismus streitbare Parlamentarier vertreten waren, die den Nationalsozialismus weder verharmlosten noch falsch einschätzten", dann müßte auch die leidige Frage weiterdiskutiert werden: "Warum hatten die Nationalsozialisten es aber so leicht, die Macht in Deutschland zu übernehmen?"

Nach wie vor gibt es keine schlüssige Gegenthese zu dem Standardwerk von Karl Dietrich Bracher, in dem relativ eindeutig die "Selbstpreisgabe" und der "Belagerungszustand" der Weimarer Republik akzentuiert werden.

Ein Mangel der Dokumentation ist, daß die Reden ausgewählter Politiker isoliert dastehen. Die Propaganda der Nationalsozialisten erscheint nur indirekt, und die Kommunisten tauchen lediglich in der Statistik der Verfolgten auf. Obwohl die Hälfte aller zwischen 1933 und 1945 in Deutschland ermordeten Parlamentarier KPD-Abgeordnete waren, erfährt der Leser nichts über ihre Rolle im Reichstag. Auch Adenauer wußte, warum er 1949 im ersten Bundestag bei der Totenehrung keine Namen nennen ließ. Das Problem lag offensichtlich in der Aufschlüsselung der Parteizugehörigkeit.

Obwohl die abgedruckten Reden durch Geleitwort, Vorwort, Einleitung und editorische Vorbemerkung umständlich kommentiert sind, fehlt ein wertender Hinweis, daß Hitlers Gegner 1933 nicht vor der Gefahr des Antisemitismus warnten. Die Nationalsozialisten profitierten davon, daß der Antisemitismus zu den wenigen lagerübergreifenden politischen Ressentiments der Weimarer Republik zählte. Schon vor Goldhagen wurde die Legende von einer omnipotenten NS-Propaganda zurückgewiesen und die Diskussion auf die nach wie vor zuwenig erforschte Rolle des subjektiven Faschismus und der vorgezogenen Selbstgleichschaltung gelenkt.