Seit geraumer Zeit stelle ich fest, daß sich etwas geändert hat im Zuge der ZEIT, auf dem Papier, in der Schrift, im Blatt, dessen Format die Spannweite der Arme auszutesten vermag und das sich nur schwer in den Zeilen selbst finden läßt, oder anders gesagt: Was darüber liegt, liegt dazwischen - und darunter liegt immer weniger von dem, was vorher war und gelesen werden sollte.

So schwimmt Ihr Blatt im Mahlstrom der wie auch immer etikettierten und schon längst beendet geglaubten Moderne, die für sich selbst aufersteht und im Blatt sich manifestiert als farbverlorener Videoclip, im Wechsel von einem Ort zum anderen, bei dem die Kirche zwar noch immer ganz liberal im Dorfe steht, aber die Brunnen langsam versiegen.

So liest man hinweg, bleibt kaum noch hängen, erfordert mit sich keinen Disput und denkt an die Fokussierung von mancherlei Alltagsbanalität.

Politisch domestiziert und zuweilen mit der Tendenz zu einer süffisanten Polemik behaftet, erweist sich jede Ausgabe als der Griff in eine Lostrommel, bei dem man glaubt, doch einmal den Hauptgewinn zu ziehen.

Der Geist der ZEIT ist zum Zeitgeist degeneriert, der im Zuge der oft beschworenen Ausdifferenzierung nach denkwürdigen Mehrheiten sucht und dabei Konzessionen macht, die den Stachel entfernen, der ehedem - so scheint es mir - wenn nicht hineingetrieben, so doch anvisiert wurde.

Trotz allem: Ihr Plus ist es immer noch, daß bei Ihnen (noch) eher die Tendenz, bei anderen schon die Beliebigkeit vorherrscht. Das macht das Blatt noch immer erstehenswert - und man bleibt mit fünf Mark dabei.

Jörg Steinz Offenbach/Main