Die Rockhistorie ist ein Passionsweg der Kunst ins Kalkül. Unablässig wiederholt sich jene Geschichte, die Neal Casal unbedingt vermeiden wollte: Große Plattenfirma verpflichtet ungezähmte Band und setzt ihr einen Produzenten vor. Der erklärt den Jungs, wie man den Zeitgeist sattelt, wie sie für Das Große Ding zu klingen hätten. Sein Wille geschehe. Die Platte, opportunistischer Schrott, verkauft sich nicht. Die Band wird gefeuert und hat alles verloren - Vertrag, Musik, Selbstachtung und Ruf. Die nächsten bitte!

Fünf Wochen, nachdem Neal Casal 1995 bei Zoo Records unterschrieben hatte, wurde dort sein Gewährsmann Bud Scoppa an die Luft gesetzt. Zu Casals Überraschung traf der Rauswurf nicht auch ihn. Scheinbar vergessen kampierte er mit seiner Band in den kalifornischen Bergen, verbriet ordentlich Produktionsgelder und nahm ein Juwel von Debütalbum auf. "Fade Away Diamond Time" klingt wie ein Tugendkatalog des klassischen Rock'n'Roll: schleppende Gitarren, Orgelschnitte, schwere schaukelnde Grooves als Boot für Casals bluenotigen Tenor. Ich mag langsame Musik, sagt Casal. Ich will das Lauteste so still wie möglich sagen. Die Brüllbands sind so uncool.

Zoo brachte das trendverächterische Werk tatsächlich heraus und schickte Casal auf Tournee. Der Anruf erreichte ihn dann fünf Tage vor Weihnachten, in einer Bar in Nashville: Er sei entlassen, die Tour gestoppt. Die Lagerbestände der Platte landeten im Schredder. Als deutscher Sozialstaatler weiß man nicht, was einen mehr deprimieren soll - die völlige Vertragswillkür, der amerikanische Musiker ausgesetzt sind, oder das Talent der Opfer, diese Machtstrukturen als Schule des Lebens metaphysisch zu überhöhen. Es war eine gute Erfahrung, sagt Casal. Ich habe meine Musik nicht korrumpiert. Ich konnte die Platte machen, die ich wollte. Ich liebe "Fade Away Diamond Time".

Nicht nur er. Das deutsche Rootsrock-Label Glitterhouse preßte die Platte kürzlich nach (nur per Post erhältlich über: Grüner Weg 25, 37688 Beverungen) und brachte auch Casals folgende Alben heraus. "Rain, Wind and Speed", "Field Recordings" und "The Sun Rises Here" sind sämtlich integer, folkig sensibel, schwelgend in verdunkelter Melodik. Und doch scheint es, hier spare einer für die zweite große Chance. Ich will, sagt Casal (heute dreißig), nicht mein Leben lang obskur bleiben.

Casals Provokanz liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der er einer fragmentierten Welt ganzheitliche Erfahrungen abgewinnt und sie in ungebrochene Musik verwandelt. Hierzulande muß man ja beweisen, daß man das Puzzle noch weiter zerstanzen kann. Rock'n'Roll? Ein präpostmodernes Fossil.

Für Amerikaner gehört er zur allgegenwärtigen Semiotik ihrer Geschichte. Was Casal mitzuteilen wünscht, wird durch Bindung an Form, ans Erbe gewonnen, durch Einklang mit den ungezählten Geistträgern des idealischen Rock'n' Roll und ihren beharrlichen Stimmen.

Europa sei eine andere Welt, sagte Neal nach seinem Konzert im Berliner "Knaack"-Club. Überall spüre er Linien und Grenzen. Alles stoße hart aneinander, darum müsse hier jeder immerzu definieren und verteidigen, was er sei und glaube. In America you can always disappear into the great wide open.