Binnen zehn Minuten bin ich um dreißig Jahre gealtert. Die Sicht ist gelbstichig und verschwommen, das Hören seltsam gedämpft und das Bücken eine Plage. Diesen körperlichen Verfall im Zeitraffer verdanke ich dem Alterssimulator: Bandagen und Abnäher eines speziellen Overalls schränken die Bewegungsfreiheit ein, vierzehn Kilo schwere Bleigewichte vermitteln den Eindruck schwächer gewordener Muskelkraft, harte Noppen an der Innenseite der Handschuhe sorgen für steife Finger, ein Kopfhörer schluckt die hohen Tonfrequenzen, eine Scheibe vor der Nase halbiert das Sichtfeld und raubt den Augen die Schärfe. So fühlt es sich also an, siebzig zu sein.

Mit Altersmontur und Einkaufswagen geht es in den Elektromarkt. Als erstes das unsichere Gefühl: Kommt da gerade jemand von hinten? Wie bei einer Taucherbrille ist der Blick zur Seite abgeschnitten. Und der Klangbrei, der an meine Ohren dringt, erinnert mehr an Unterwassergeräusche als an Schritte, Satzfetzen und Kassengepiepse. Aus welcher Richtung die Töne kommen, kann ich nicht einmal erahnen.

Auf den Videogeräten kann ich nur den Markennamen lesen. Welche Tasten für Aufnahme und Abspielen zuständig sind, wird zum Ratespiel. Die ausliegenden Prospekte muß ich erst im richtigen Winkel schräg halten, sonst blenden Lichtreflexe auf dem Hochglanzpapier. Die Faltblätter, die auf einem Regalbrett über meiner Schulter liegen, sind unerreichbar - so hoch kann ich den Arm nicht heben.

Bei den Waschmaschinen finde ich endlich ein ausreichend groß beschriftetes Gerät. Aber die Temperaturen über sechzig Grad sind grün auf blauem Untergrund und daher nur mühsam zu entziffern. Zur Waschtrommel komme ich gerade noch herunter. Allerdings muß ich den Rücken arg krümmen, weil sich meine Knie nicht so weit abwinkeln lassen. Das Fusselsieb herauszuziehen erfordert sportliche Höchstleistung. Den Toaster auszupacken ist ebenfalls keine einfache Übung - mit leicht tauben, steifen Fingern. Ganz zu schweigen vom Aufzwirbeln des Drahtes, der das Stromkabel zusammenbindet.

So also wird das sein in dreißig Jahren - vorausgesetzt, ich bleibe von Krankheiten verschont. Denn der Anzug simuliert nur den normalen Alterungsprozeß.

Entwickelt hat ihn die Firma Meyer-Hentschel Consulting zusammen mit Medizinern. Die Saarbrücker lassen die Konstrukteure von Haushaltsgeräten und Autos, Architekten und Handwerker, Apotheker und Verkäufer, Krankenschwestern und Altenpfleger in dem Simulator am eigenen Leib erfahren, wie alte Menschen die Welt wahrnehmen. Eigentlich sollte jeder unter sechzig einmal ein paar Stunden in der Kluft umherwandeln, als Beitrag zur Verständigung der Generationen.

Auch jüngere Verbraucher können ziemlich alt aussehen