Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können - dies war Otto von Bismarcks optimistische Devise, als er 1870/71 das Deutsche Reich zusammenschmiedete. Doch schon zwölf Jahre später überfielen den Kanzler angstvolle Zweifel. "Dies Volk kann nicht reiten", schrieb er an den Grafen Roon. "Ich sehe schwarz für Deutschlands Zukunft." Schmerzhafte Hellsicht gab dem Fürsten die Ahnung ein, daß nicht vieles von seinem Werk lange überleben werde. In dem jungen Kaiser Wilhelm II. - labil, von unsicherem Urteil, fahrig - erkannte er den sicheren Verderber des Reiches. Finster prophezeite er, wie zwanzig Jahre nach dem Tode Friedrichs des Großen Preußen die Schlacht bei Jena verloren habe, so werde zwanzig Jahre nach seinem eigenen Tode "der große Krach" kommen.

Der Reichsgründer starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh, hinfällig, geplagt von Schmerzen, mit rasselndem Atem, "ohne Zukunft und Hoffnung". Der "große Krach" kam, wie er vorhergesagt hatte, zwanzig Jahre darauf: Im November 1918 versank das Reich, sein Werk, in den Strudeln von Niederlage und Revolution.

Hundert Jahre nach seinem Tode können wir Heutigen Otto von Bismarck Größe bescheinigen, ohne seine Schwächen zu vertuschen. Sein Bild, lange von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, hat sich geklärt. Friedrich Naumann hatte recht: "Er war konservativ im Untergrund und konstruierend im Oberbewußtsein; ein Erfinder einfacher Grundgedanken, aber kein Prinzipienmensch, naturhaft, veränderlich, selbst launisch, dabei unerschöpflich in Einfällen, Wendungen und Biegungen. So hat er einen unglaublichen Einfluß auf sein Zeitalter gehabt ... Er nahm, was er fand, zerbrach, was ihn störte, und benutzte alle Grundsätze, die es gab."

Recht hatte aber auch Max Weber, der 1918 beklagte, daß Bismarck kein politisches Erbe vermacht habe: "Er hinterließ eine Nation ohne alle und jede politische Erziehung... Und vor allem eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewohnt, daß der große Staatsmann an ihrer Spitze für sie die Politik schon besorgen werde... Eine politische Tradition indessen hinterließ der große Staatsmann überhaupt nicht." Solch eine Tradition hätte einen Damm bilden können erst gegen die wilhelminische Großmannssucht, dann gegen die Versuchung des braunen Totalitarismus.

So aber blieb nicht viel. "Der größte Teil des von Bismarck Geschaffenen verschwand innerhalb von fünfzig Jahren nach seinem Tod", schreibt Otto Pflanze, sein amerikanischer Biograph.

In der Tat: Innenpolitisch verzehrte sich der Reichskanzler in aufeinanderfolgenden Kampagnen gegen Katholiken, Liberale und Sozialdemokraten. Vergebens: Das Zentrum blieb eine politische Kraft, die Liberalen desgleichen, und die Sozialdemokratie wurde zur Woge der Zukunft. Als Kanzler verzweifelte er daran, zuletzt spielte er sogar mit dem Gedanken an einen Staatsstreich von oben, der den Reichstag kippen, das allgemeine Wahlrecht abschaffen sollte. Seine bleibende Leistung jedoch, die Sozialgesetzgebung der frühen achtziger Jahre, die längst rund um den Globus Nachahmung gefunden hat, verkannte ihr Schöpfer völlig in ihrer historischen Bedeutung. In seinen dreibändigen Memoiren erwähnte er sie mit keinem einzigen Wort.

Bismarcks ureigenes Feld freilich war die Außenpolitik. Da brillierte er: ein wendiger Taktiker, ein glänzender "Handhaber der kleinen Mittel und ein Erdenker der großen Ziele" (Friedrich Naumann). Er stabilisierte das europäische Gleichgewicht; ein kunstvoll gearbeitetes Mobile von Verträgen hielt es in der Balance. Er bewahrte den Frieden - 1875 mit Frankreich, als er die auf einen Präventivkrieg drängende Generalität an die kurze Leine legte; 1887 gegenüber Rußland ("Den russischen Krieg werden wir nie hinter uns bringen"); in vielerlei gefährlichen Balkankrisen ("nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert"). Im europäischen Fünfmächtekonzert sollte Deutschland nach seiner Vorstellung "immer einer von dreien" sein. Er erlebte noch mit, wie das Verhältnis zu Rußland verkam und ein Ausgleich mit England an der Tirpitzschen Flotten-Megalomanie scheiterte. Es blieb ihm erspart, ohnmächtig mit anzusehen, wie das Reich "einer von zweien" wurde und am Ende, halb treibend, halb getrieben, am österreichischen Leitseil in den Weltkrieg schlitterte.