Die fünfzehn Monate im Zentrum der Macht haben unübersehbar Spuren hinterlassen. Die Linien um den Mund des Premiers treten schärfer hervor, oft wirkt Tony Blair angestrengt. Das strahlende Lächeln, mit dem er seine Umgebung früher einmal allzu reichlich bedachte, will sich nicht mehr ganz so selbstverständlich einstellen. Plötzlich erscheint das Idol von Europas modernen Linken in fahlem Licht. Enttäuschungen und Blessuren der vergangenen Wochen mögen mit dazu beigetragen haben. Eindringlich hatte der britische Premierminister doch Fraktion und Regierungsmannschaft vor jeglichem Filz gewarnt. Um so bitterer für ihn, daß sich junge, smarte Eierköpfe im Dunstkreis seiner Reformjunta danebenbenahmen. Sie waren während des Wahlkampfes als Berater und Vordenker tätig gewesen, und manche von ihnen hatten sich nach Labours Sieg flugs in den lukrativen Berufsstand der Lobbyisten abgeseilt. Sie brüsteten sich ihrer blendenden Beziehungen zum exklusiven Kreis von New Labours Spitze und versprachen, Begegnungen mit ihren früheren Herren und Meistern zu arrangieren. Die Affäre hinterließ Kratzer auf dem blitzblanken Image der Partei.

Um so fester entschlossen war Tony Blair, das erste Kabinettsrevirement seiner Amtszeit zu einem Befreiungsschlag zu nutzen. Reshuffles, das Neumischen ministerieller Karten, gehören zur britischen Sommersaison wie Wimbledon und Glyndebourne. Halb Drama, halb Possenspiel, geht es dabei selten ohne Blutvergießen ab. Blair bewies bei der Kabinettsumbildung, daß Enttäuschungen und Dauerstreß des Amtes ihm den Genuß am Ausüben politischer Macht nicht verdorben haben. Der Premier ist eben auch ein Spieler. Gerhard Schröder und anderen kontinentalen Sozialdemokraten, die zumindest mit einem Auge stets auf die Insel schauen, wurde eindrucksvoller Anschauungsunterricht zuteil.

Die Verschiebung der internen Machtverhältnisse ging vor allem zu Lasten seines langjährigen Weggefährten Gordon Brown, des Oskar Lafontaine der Labour-Regierung. Der Premier handelte getreu dem Motto Machiavellis, "niemandem ganz zu trauen, der nach deinem Amt strebt". Brown, brütend, nägelkauend, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, Blair irgendwann zu beerben. Bis heute konnte es der Schatzkanzler nicht verwinden, daß sein jüngerer Mitstreiter ihm 1994 beim Griff nach dem Parteivorsitz zuvorkam. In den vergangenen fünfzehn Monaten zog Brown mehr Kompetenzen an sich als jeder Schatzkanzler vor ihm. Von Amts wegen reden sie immer wegen ihrer Zuständigkeit für Haushalt und Finanzplanung in alle Ressorts hinein. Aber der Schotte, den Blair gerne als "meinen eisernen Kanzler" feierte, ging noch weiter. Er versuchte, Einfluß auf spezifische politische Projekte zu nehmen, und machte die Gewährung von Geldern dafür von seinem Plazet abhängig. Lange Zeit ließ Blair ihn gewähren. Vielleicht war dabei ein Hauch schlechten Gewissens mit im Spiel. Jetzt hat der Premier seinen Schatzkanzler in die Schranken gewiesen.

In 10 Downing Street schaltet künftig ein Kabinettsminister als "Koordinator". Seine Aufgabe ist es, die gesamte Kultur des britischen Regierungsapparates zu ändern; er soll ressortübergreifende Projekte koordinieren, den Ressortministern auf die Finger schauen und notfalls kräftig draufhauen. Auch soll der neue Minister dafür sorgen, den rotzig-selbstbewußten Spindoctors das Handwerk zu legen, die "ihre" Minister zu Lasten anderer Kabinettsmitglieder hochjubeln. Mit dem bisherigen Landwirtschaftsminister Jack Cunningham berief der Premier einen cleveren, abgebrühten Politiker des alten rechten Labour-Flügels in diese Schlüsselposition. Neben einer Menge Erfahrung zeichnet Cunningham vor allem eines aus - völlige Furchtlosigkeit gegenüber Gordon Brown. Der einzige Trost für den Schatzkanzler: Peter Mandelson, Blair-Intimus, legendärer Einflüsterer und Medienmanipulator, blieb ihm in dieser Rolle erspart. Dafür wurde Mandelson mit dem gewichtigen Ressort von Handel und Industrie entschädigt.

Im Lande breitet sich Pessimismus aus

Die personalpolitischen Entscheidungen Blairs dienen nicht nur dazu, die Position des Regierungschefs zu stärken. Zugleich wurde der Kurs von New Labours Politik klarer definiert. Das Kabinett ist proeuropäischer geworden. Peter Mandelson etwa zählt zu den entschiedensten Befürwortern eines baldigen Beitritts zur Währungsunion, während seine Vorgängerin, Margaret Beckett, eine stille, aber tiefe Abneigung gegen europäische Integration auszeichnete. Die Gewerkschaften haben im neuen Kabinett noch weniger Fürsprecher, während Blair zugleich mehr als zuvor auf wirtschaftsfreundliche Minister setzt.

Der Premier ist entschlossen, sein Projekt des dritten Weges voranzutreiben. Dazu zählt nach wie vor die Reform des Wohlfahrtsstaates. Das alte Team, das mit dieser Aufgabe betraut war, ist gescheitert. Nun sollen konkrete Fortschritte auf so heiklen Gebieten wie Rentenreform und Bekämpfung des Sozialmißbrauchs den Ruf des Aufräumers untermauern, den der Premier bei vielen Bewunderern außerhalb Großbritanniens schon hat.