Die Kameras schauen in jeden Winkel. Sie haben die Rezeption im Blick, den Babyraum und das Zimmer für die Zweijährigen. Sie überwachen die Wickelkommode und den niedrigen Tisch, an dem Jungen und Mädchen mit Fingerfarbe hantieren. Sogar der Spielplatz und die Rutsche im Garten stehen unter Beobachtung.

Delyna Hill wirft einen schnellen Blick zur Decke des Babyzimmers, wo die Kamera hängt. "Wir haben uns an sie gewöhnt." - "Kein Problem, überhaupt kein Problem", meint auch ihr Kollege Jayson Jones. "Am Anfang waren sie nervös", lacht Charmaine Stoul, die Chefin. "Das hat sich gelegt."

Nach anfänglicher Skepsis boomt das Geschäft

Hier hat das Unternehmen Watch Me! seinen Firmensitz. Watch Me! hat Somerset Heights mit den Kameras ausgestattet und über seine Web-Seite direkt an das Internet angeschlossen. Dort können die Bilder aus Indianapolis abgerufen werden - gegen Gebühr und nach Eingabe eines Paßwortes. Die Kunden der Firma: besorgte Eltern, die über einen Computer zu Hause oder am Arbeitsplatz kontrollieren wollen, ob ihre Sprößlinge im Kindergarten auch gut behandelt werden.

Die Idee, daß mit der Sorge und der Sehnsucht von Eltern ein Geschäft zu machen sei, kam Watch Me!-Gründer Frank Wagner kurz vor der Geburt seines ersten Sohnes. Das war vor knapp zwei Jahren. Heute sammelt das Unternehmen Standbilder aus siebzehnTagesstätten in fünf Bundesstaaten der USA. Die Konkurrenz ist hart: In Georgia sitzt Kindercam, in Kalifornien die Firma Kinderview, in New York das Unternehmen Simplex Knowledge. Alle sind fieberhaft damit beschäftigt, Horte und Vorschulen mit Web-Kameras ans Netz zu bringen. Im Durchschnitt kostet die Installierung eines Systems zwischen 8000 und 10000 Dollar. "Anfangs waren die Kindergärten skeptisch", meint Wagner, "jetzt boomt das Geschäft."

Watch Me! und seine Konkurrenten bauen auf die Angst, die Vorsicht und das schlechte Gewissen der Eltern, die ihre Kinder morgens in den Tagesstätten abgeben und erst abends wiedersehen. "Wir bedienen eine Nachfrage", sagt Wagner, "die unsere von Arbeit geprägte und streßgeplagte Gesellschaft geschaffen hat." Erzieher und Eltern geben ihm recht: "Übers Netz bekomme ich endlich mit, wie er seinen Tag verbringt", meint in Indianapolis Michelle James, die sich jeden Morgen von ihrem einjährigen Sohn Evan trennen muß. Ellen Cohen betrachtet ihre drei Töchter im Kindergarten regelmäßig auch dann am Computermonitor, wenn sie auf Dienstreise ist. "Wir nehmen den Eltern einen Teil ihrer Schuldgefühle und geben ihnen zusätzliche Zeit mit ihren Kindern", sagt Charmaine Stout, Direktorin von Somerset Heights.

Damit nicht genug: Am Arbeitsplatz klinken sich Kollegen ein, um einen Blick auf den Nachwuchs zu werfen; Onkel und Tanten lassen sich Web-Adressen und Paßwörter geben; selbst manche Großeltern machen sich mit moderner Technik vertraut, um "näher" an den Kindeskindern zu sein. Die Zeitung Atlanta Journal-Constitution berichtete schon im vergangenen Sommer über eine Großmutter in Israel, die sich einen Rechner zulegte, um ihren fünfjährigen Enkel in Amerika im Internet zu beobachten. In Somerset Heights ging eines Morgens ein Fax mit der Forderung ein, eines der Kinder um exakt fünf nach neun vor die Kamera zu stellen. Genau zu diesem Zeitpunkt schaltete ein Großvater im Staat Michigan den Computer in seiner örtlichen Leihbücherei ein.