Neunhundert Jahre ist sie alt, diese medizinische Wunderwaffe für "Körper und Seele" namens Hildegard von Bingen, geboren 1098. Auf Gewürzbeuteln und Dunkelmehl klebt ihr Konterfei, nie war sie so populär wie heute. In den Schuhen Dachsfelleinlagen (für "gesunde Füße und Schenkel"), frisiert mit einem Kamm aus Kastanienholz ("Das Riechen an dem Holz verschafft dem Kopf Gesundheit"), rühren Hildegard-Fans morgens ihr Habermus und brühen Dinkelkaffee. "Heilfasten mit Hildegard" spendet Gesundheit und das Dinkelspelzkissen himmlischen Schlaf.

Mit dem Buch "Das Wunder der Hildegard-Medizin" wurde die Heilsbotschaft 1978 von Gottfried Hertzka in die Welt gesetzt - und fortan unter der Nonnenkutte versteckt. Dabei steht hinter der Hildegard-Medizin nicht Hildegard, sondern eine marketinggeübte Industrie, die Dinkel kurzerhand zum Wundermittel erklärt hat.

Auch in der großen Hildegard-Jubiläumsausstellung in Mainz, die bis zum 16. August läuft, wird die Vermarktung der "Natur- und Heilkunde" angeprangert, die historisch der zweifelhafteste Teil von Hildegards Werk ist. Doch auf zwei Tischen im Kreuzgang des Diözesanmuseums stapeln sich fast ausschließlich "Hildegard-Medizin"-Ratgeber, überragt von einer schmucken, tönernen Weinkaraffe Hildegardisbrünnchen zu neunzehn fünfundsiebzig. Dabei rügte die Verehrte selbst die laschen Kirchenmänner wegen ihres leeren Getues, sie ließen sich durch jeden daherfliegenden Namen lahmlegen. Sogar das offizielle Nachfolgekloster, die Abtei Sankt Hildegard, bietet nicht länger nur geistiges (Lese-)Futter an, sondern 38 zeitgeistige Produkte, von Dinkelnudeln bis Dinkelbiscotti. Alles sei nur Ergänzung zur gesunden Ernährung, betonen die benediktinischen Schwestern etwas verschämt in einem Faltblatt, denn: "Nach Stellungnahme kompetenter Wissenschaftler der Medizin, Pharmazie und Chemie ist die Bewertung des Dinkels als ausgesprochenes Heilmittel zweifelhaft."

Bei solchen Spannungen zwischen Kopf und Kasse hilft nur noch ein Schluck St. Hildegardis Kräuterlikör.