Gelobt sei der Seiteneinstieg! Wer sich in der spröden Politikwelt von heute - viel zu oft in Ritualen erschöpft, viel zu ängstlich auf eine diffuse Mitte fixiert - wirklich umsieht, kann doch im Ernst nicht Alarm rufen, bloß weil Jost Stollmann, Michael Naumann oder Walter Riester als Anwärter für ein Amt in einer möglichen SPD-geführten Regierung nominiert worden sind. Kaum überspitzt gesagt: Jeder gute, befähigte Politiker, jeder Abgeordnete, der seinen Beruf ernst nimmt, ist ein Seiteneinsteiger, und damit fängt die Sache doch an. Autonom im Kopf, mit Verantwortungssinn für das ganze Haus, mit Herzblut meinethalben, wenn man hoch greifen will, auch mit Aura.

Erleichtert atmet man auf. Endlich weht ein Lüftchen. Das hat Geist und Pfiff. Doch in diesem verflixten Wahljahr wird jedem die ganze Verantwortung für eine mögliche Niederlage angelastet, der mit einem einzigen Wörtlein Farbe bekennt. Ob Naumann die Kulturkompetenzen im föderalen Staat voll überblickt, mag eine Frage für sich sein. Auch, ob Stollmann genauer als Norbert Blüm weiß, wie man das Rentensystem umstellen soll. Aber ganz ins Allgemeine gewendet: Man kann dem Kanzlerkandidaten Schröder schlecht vorwerfen, die Konturen einer anderen Politik nicht einmal anzudeuten, wenn er drei Außenseiter präsentiert, die alle für etwas stehen. Walter Riester zum Beispiel. Wie er über Industriepolitik oder die Erosion der klassischen Erwerbsgesellschaft denkt, weiß jeder, der sich nur ein wenig dafür interessiert. Er vertritt Minderheitspositionen in der IG Metall, für die er politische Mehrheiten als Minister besorgen müßte. Es lohnt sich.

Es geht hier nicht darum, den Traum von den "unabhängigen Geistern" jenseits der schnöden Parteienwelt 1998 noch einmal zu träumen, auch wenn Schröder insgeheim auf solche Ressentiments spekulieren mag. Der Politik fehlt es an Courage, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, es fehlt ihr an Inspiration von außen, an breiter Mitsprache. Weder die Ostpolitik noch die Bildungs- oder Justizreform sind im kleinen Kreis begnadeter sozialliberaler Häupter an Brandts Kabinettstisch erfunden worden. Das bedurfte alles langer Debatten und weiterer kluger Köpfe. Einige hat der damalige Kanzler dann in seine Nähe oder gar in sein Kabinett geholt. Zum Beispiel Egon Bahr: Der Architekt der Ostpolitik, kein Berufsparteipolitiker, war unverzichtbar als Vorausdenker und Unterhändler. Brandt war souverän genug, es auch mit anderen zu versuchen wie den Professoren Leussink, Maihofer und Dahrendorf. Und im Kanzleramt sprachen, von Wehner und Schmidt mißtrauisch verfolgt, Günter Gaus, Klaus Harpprecht und Horst Ehmke mit. Grundsätzlich hat es der Politik nur genutzt - solange klar war, wer Regie führt. Der junge Kohl in Mainz mit seinem glänzenden Seiteneinsteiger-Kabinett sah es übrigens ähnlich.

Sicher, Politik heißt auch: Handwerk, Enge, Alltäglichkeit. Sie verlangt Fleiß, Kompetenz, Stetigkeit. Nicht alle, die von der Seite kommen, bringen das mit. Das wichtigste aber ist, daß Politik und Gesellschaft enger zusammenrücken. Und darum geht es schließlich auch jetzt wieder. Seiteneinsteiger erinnern daran, daß die Politik nicht den Parteien gehört. Sie sollen öffnen, nicht schließen. Das rechtfertigt nicht jedes öffentliche Geplauder. Naumann, Stollmann oder Riester sind sicher überfordert, wenn man von ihnen erwartet, für die "Wiederkehr des Politischen" alleine und gleichsam im Handstreich sorgen zu können. Bloß weisen sie auf einen Verlust hin, das Defizit an politischer Öffentlichkeit nämlich. In seinen späten Kanzlerjahren hatte Kohl die Fähigkeit vollends verloren, Inspirationen von außen hereinzuholen und sich - wie früher mit Geißler, Weizsäcker, Späth oder Biedenkopf - unabhängiges Denken nutzbar zu machen.

Der Infekt sitzt nun tief, überall in der Politik. Sie hat mehr denn je Angst vor Außenseitern und Seiteneinsteigern, weil sie unsicher ist und Besitzstände verteidigt. Bis in die Jahre des späten Kanzlers Schmidt reichen die Ursachen dafür zurück. Politik wurde zum Geschäft für Politiker, sie lud nicht mehr ein. Die Grünen, ein einziges Völkchen von Seiteneinsteigern, haben sich dieses Recht auf Mitsprache zurückerobert. Den Bürgerrechtlern aus dem Osten, Seiteneinsteiger auch sie, ist das letztlich nicht geglückt. Schade.

Kaum melden sich die, die "noch nicht fertig" sind, wie Schröder sagt, neu zu Wort, heißt es: Die Medienpolitik schaffe aus sich heraus autoritäre Strukturen, indem sie alle Blicke auf die neuen Symbolträger lenke. Nein, autoritär ist die Mediendemokratie nicht von sich aus. Auf die enthusiastische Ankündigung hin, ein Kulturbeauftragter werde in der Ära nach Kohl das "geistige Vakuum" der Republik beenden, schallte es zurück: An einem solchen Vulgärmodernismus müsse das geistige Kapital der Republik verzweifeln (Frankfurter Rundschau). Das mag zwar böse zugespitzt sein, aber man sieht, die Medien sind erwachsen und liberal genug, um genau aufzupassen. Die Richtung, wohin ein solcher Disput führt, bestimmen doch am Ende nicht Naumann, Riester oder Stollmann alleine. Wo leben wir denn!

Aber was ist die Konsequenz? Es geht nicht darum, eine Amerikanisierung herbeizuwünschen, in welcher der Parteienstaat an sein Ende käme. Obwohl - den Weltuntergang und ein Aus für die Demokratie bedeutet auch das nicht. Aber so schlecht ist die Republik mit der Parteiendemokratie ja gar nicht gefahren. Nur müßte man der Politik wünschen, daß sie viele hineinlockt, die sich seit Jahren schon abwenden. Max Weber, hilf! Politik ist ein Beruf wie kein anderer. Nicht die Gesellschaft, die organisierte Demokratie ist gar zu erstarrt, um das erkennen zu lassen.