"Da klingelt ein junger Mann an der Tür. Kommt mir vor, als hätte ich ihn schon mal gesehen. Machst du mal auf?" Vater geht zur Tür, öffnet. Junger Mann hat rote Haare, trägt kurze Hosen und ist verschwitzt: "Entschuldigen Sie, daß ich Sie belästige. Ich habe einen Platten, und während der Mechaniker meinen Reifen flickt …"

"Jan Ullrich! Sie sind Jan Ullrich, nicht wahr? Kommen Sie rein, kommen Sie rein! Wenn das meine Frau … Monica, komm schnell runter! Wir haben Besuch! Was kann ich für Sie tun, Herr Ullrich? Haben Sie Durst? Hunger?" (Monica erscheint) "Schau mal, wer hier ist! Jan Ullrich …" Ullrich: "Da Sie so freundlich danach fragen: Hunger habe ich tatsächlich. Der Verbrauch an Kalorien, wissen Sie, nach 100 Kilometern sind 6000 Kalorien futsch, da heißt es futtern, futtern …" – "Hast du gehört, Monica? Mach unserem berühmten Gast sofort etwas zu essen, ja? Wie wär’s mit einem Müsli? Oder Pfannkuchen? Pfannkuchen sind die Spezialität meiner Frau!" – "Vielen Dank, ja, alles, was Kraft bringt. Wenn nur Spaghetti dabei sind, viele Spaghetti!" – "Also Pfannkuchen mit Spaghetti? Monica, haben wir überhaupt Spaghetti im Haus?" – "Nein, haben wir nicht. Aber ich kann ja welche machen. Die Nudelmaschine ist irgendwo auf dem Dachboden. Bis sein Reifen geflickt ist, mach’ ich uns erstklassige Eierspaghetti. Ich hoffe, Ihr Vorsprung vor den anderen Lahmärschen ist groß genug!" – "Monica!" – "Dann vielleicht Makkaroni, die habe ich fertig …" Hochleistungssportler brauchen Nudeln. Wo unsereiner mit ein paar Sardinen über die Runden kommt, leben sie praktisch von Nudeln. Deshalb beginnt ein Menü für Jan Ullrich mit

Ravioli de Royan auf Lauchjulienne

Durch Royan im Tal der Isère ist unser Jan schon geradelt. Dort gibt es eine Spezialität: kleine Ravioli, nur briefmarkengroß, die auch wie ein Bogen Briefmarken aneinanderhängen. Meistens sind sie mit Käse gefüllt. Sollten sie in einer anderen Gegend Mitteleuropas entstanden sein, besteht die Möglichkeit, daß Jan da auch schon herumgeflitzt ist. Deshalb können es auch italienische Kleinravioli sein. Man legt die Platten zwei Minuten in sehr heißes Wasser und fischt sie vorsichtig wieder heraus. Inzwischen habe ich das Weiße und Hellgrüne einer dicken Lauchstange gewaschen, halbiert und in ca. 4 cm lange Juliennes geschnitten (so nennen Köche zierliche Gemüsestreifen.) Das reicht für vier unsportliche Portionen. Die Lauchstreifen werden in Butter angeschwitzt, gesalzen und gepfeffert und dann mit halbtrockenem Sherry abgelöscht. Eine Prise Koriander, frisch gemahlen, kann nicht schaden. Zugedeckt sanft garen lassen, was ungefähr 15 Minuten dauert. Nochmals abschmecken und in einer flachen Lage in kleine, gußeiserne Portionsformen (oder solche aus Porzellan) legen. Mit brauner Butter begießen und die gegarten Ravioli drauflegen, möglichst ohne sie auseinanderzureißen. Mit wenig geriebenem Gruyère oder Comté bestreuen und kurz unter dem Grill überbacken. Wie bei allen Nudelgerichten, halte ich groben, schwarzen Pfeffer hier für unerläßlich, und auch ein abschließender EL braune Butter hat noch keiner Nudel geschadet.

Makkaroniauflauf

Ein sättigendes und kraftspendendes Gericht, das gleichzeitig die häusliche Vorratskammer von vielen Überbleibseln befreit, auf gut deutsch: Resteverwertung. (Man kann die jeweilige Zutat natürlich auch frisch machen.)

Die Makkaroni meiner Kindheit waren Teigschläuche von beachtlicher Größe. Heute gibt es offenbar nur kurze, schräg geschnittene Nudeln unter der alten Bezeichnung. Sei’s drum; auf das Design kommt es nicht an, außerdem lassen sich die Kurznudeln besser gabeln. Sie werden wie üblich in Salzwasser gar gekocht, abgegossen und kalt abgeschreckt. Das kann jedes Kind. Eine flache, große Gratinform wird sehr großzügig ausgebuttert. Dahinein lege ich die Hälfte der Makkaroni. Sie dienen den Resten oder frisch gemachten Zutaten als Unterlage. Diese bestehen vor allem aus Tomaten. Und zwar das Konkassee von vier großen Tomaten. Das wird extra gesalzen. Daneben und darauf lege ich einen Gemüserest, der wunderbar paßt, weil er auch im Heimatland der Nudeln gern mit diesen in Symbiose lebt: grüne Bohnen. Ich hatte sie mit den chinesischen Kräuselpilzen zusammengebracht, welche auf den Namen Wolkenohr getauft und getrocknet sind. Man muß sie stundenlang einweichen, wobei sie zu unheimlicher Größe anwachsen. Ich schneide grundsätzlich jeden einzelnen Stielansatz heraus, er ist knorpelig und bleibt es bis an sein Lebensende. Die dunklen Lappen werden auf Geldstückgröße (zehn Pfennig) zurechtgestutzt und in Öl mit Sojasauce, Knoblauch, Zitronensaft, Salz und Pfeffer gebraten. Auch das dauert lange. Aber da es gestern geschah, stört mich das heute nicht. Diese fast schwarzen, knackig bleibenden Pilzstücke machen sich in einem Gemüse von grünen Bohnen sehr gut. Davon ist genug übriggeblieben, um dem Makkaronigratin die Banalität zu nehmen. Ich pfeffere vorsichtshalber noch einmal, bevor ich das Gemüse auf der Makkaronischicht verteile. Darauf lege ich dann das Konkassee sowie … Nun, das Schicksal hat es so gefügt, daß auch noch ein Rest von der gestrigen Lammkeule übriggeblieben ist. Der wird geschnetzelt und von Bohnen und Tomaten jubelnd begrüßt. Es könnten auch rohe Kalbsleberstücke sein, welche, ebenfalls geschnetzelt und gewürzt, in diesem Gratin hochwillkommen wären. Vor allem gewürzt: Die blöden Nudeln schlucken so viel Salz und Pfeffer, daß ein herzhafter Geschmack nur schwer zustande kommt. Jetzt lege ich darauf die zweite Lage Makkaroni, und über diese gieße ich eine Powermischung, die dem Jan für die nächsten fünfzig Kilometer reichen dürfte: 1/2 l Sahne, vermischt mit 2 Eigelb und 200 g geriebenem Käse. Parmesan ist zu vermeiden, der wird leicht hart und bitter. Wieder empfiehlt sich ein Gruyère, und wieder muß ich die Mischung kräftig salzen und pfeffern. Über die Nudeln gießen. Obenauf lege ich in Scheiben geschnittene Tomaten, wieder salzen und mit Butterflöckchen besetzen. Im heißen Ofen so lange gratinieren, bis die Tomaten sichtbar hitzegeschädigt sind. Ich nehme die Form aus dem Ofen und überzeuge mich, daß auch im Innern des Auflaufs alles heiß und sämig ist. Andernfalls ziehe ich den Tomaten die losen Häute ab, drücke die Scheiben unter die Oberfläche und stelle die Form noch mal in die Hitze. Ich hoffe, daß unser Sportsfreund nicht noch nach geriebenem Parmesan verlangt, wenn er sich für die nächste Etappe stärkt, denn dann hätte ich immer noch zu schwach gewürzt. Zu trinken gibt es dazu Chasselas (Gutedel), Soave oder einen kalten Beaujolais.