Das Berliner Schloß wird wieder neu! Wenigstens die Fassade, wenigstens zu den Linden hin, wenigstens, wenigstens... Die Otto-Gebühr-Fraktion ist schon ganz aus dem Eosanderhäuschen.

Währenddessen wollen die Betonstalinisten und Plattenbauern von Bonn, Frau Oberbürgermeister B. Dieckmann vornweg, für die Post ein "echtes Hochhaus" in die Rheinaue hauen. In eine der schönsten Landschaften Europas, in die Beethovenlandschaft, Schumannlandschaft, an die weite Rheinschleife mit den sieben Bergen - da rein. Als seien der dröge Lange Eugen und die öde Adenauerbrücke nicht Tort genug. Übrigens ein alter Plan der SED für den Fall der Machtübernahme in Bonn: "Hochhäuser am Rhein! E.H.", gerade in den Stasi-Akten entdeckt.

Walter Kempowski hat einmal an die Klammeraffen aus Holz erinnert, die man so von außen ans String-Regal hängen konnte, sicher. Auch die gab es, genauso wie später die Leuchtgänse oder Igelbürsten, aber all das wurde nicht wirklich Trend. Wie es auch Kühe nie wirklich geschafft haben.

Thomas Herbst, der Hamburger Meister, 150. Geburtstag in dieser Woche, hoch soll er leben, hat sie so hingebungsvoll gemalt. Herbst-Kühe! Am schönsten liegend und von hinten. Das heißt im Grase ruhend, käuend und wahrscheinlich - aber das kann von hinten natürlich nur vermutet werden - sanft in die stille Leere des norddeutschen Himmels blickend, resp. in das düstere Zeitalter der großen Utopien, resp. Helmut Kohl muß Kanzler bleiben!, und man hört ganz leise, wie die Milch in ihnen zusammenläuft. Hat natürlich noch andere hübsche Sachen gemalt, Waldszenen, kleine Mädchen in rotem Rock, aber das Wesen des Kuhseins, das doch vor allem. Das war die Spezialität von Thomas Herbst. Wie Lesser Ury am besten die gelben Reflexe der Droschkenlichter auf dem nassen Asphalt einer Berliner Nacht gelangen. Oder Max Clarenbach, den man mit Fug den Meister niederrheinischer Wasserläufe an schneeverhangenen Februarnachmittagen nennen darf.

Kühe, ein Wort, das so lind und mild sich spricht. Vaches . "Vive la vache", schreibt die normannische Bibliothekarin, Cellistin und Lyrikerin Odile Caradec, Jahrgang 1925. "Es lebe die Kuh / was sie frißt, verwandelt sie / in Milch und Blut / sie macht mit dem, was übrigbleibt / schöne Fresken auf der Erde // Ah! dieser Pinsel! / Ah! dieser muntere Schwanz / Blaue Fliegen in die Lüfte schicken". Ein ganz blaues Büchlein (französisch/deutsch, sechzig Seiten, dreißig Mark), wiesenbunt und euterprall illustriert von Claudine Goux. "Vaches, Automobiles, Violoncelles - Kühe, Autos, Celli" heißt es, und von den stets überlasteten Jurysten der Bestenliste wurde es glatt übersehen. Rüdiger Fischer hat Odile Caradecs fröhlich flatternde Verse übersetzt, und in seinem Verlag Im Wald, Dönning 6, 93485 Rimbach, sind sie auch erschienen.

Verlag Im Wald, das stimmt. Als das Buchpaket in Hamburg ankam, taumelte ein buntes Käferchen heraus.