Anselm Kiefer, Deutschlands bildender Künstler für das Schwerwiegende, hat neben Großformaten für die Wand auch schon mal ein bleiernes Buch produziert, eine ganze bleierne Bibliothek sogar, die naturgemäß besondere Anforderungen an den Unterbau stellte. Jetzt gibt es ein neues Buch von ihm, leicht und schwergewichtig zugleich. Es enthält, nun ja, die Spermien des Künstlers und trägt den einleuchtenden Titel "Zwanzig Jahre Einsamkeit". Zu der bemerkenswerten Auflagenhöhe von zweitausend Exemplaren brachten es der Künstler und die Editions du Regard in Paris. Hundert pro Jahr.

Die Praxis der Entstehung und den kosmischen Sinn dieser Publikation beschreibt Kiefer selber auf einer einleitenden Seite mit informativer Nüchternheit. "Der tatsächliche Inhalt des Buches ist eingetrockneter menschlicher Samen, der auf die einzelnen Seiten in darauffolgenden Tagen vom Autor selber ejakuliert wurde. Es ist ein sowohl materieller Inhalt (denn man kann die einzelnen honiggelben Flecken sehen) als auch ein virtueller wenn man an die millionenfach nicht zum Zuge gekommenen Möglichkeiten denkt, die in einem nur einzigen Tropfen dieser eingetrockneten Flüssigkeit stecken." Wohl wahr. Nur der Farbton klingt ungewöhnlich, aber das ist eine Frage für den Urologen, den Künstlerejakulationsspezialisten. Leichter wäre es übrigens gewesen, so Kiefer, den kostbaren Mannessaft auf einzelne Seiten zu sprühen und diese dann zu binden. Das aber hätte "Zweifel an der Echtheit des Unternehmens" aufkommen lassen, und so ging dann eben mal ein Schuß über den Buchseitenrand hinaus.