In seinem "Sermon von der Bereitung zum Sterben" rät Martin Luther: "Dieweil der Tod ein Abschied ist von dieser Welt und allen ihren Händeln, ist not, daß der Mensch sein zeitlich Gut ordentlich verschaffe, wie es damit werden soll oder er es gedenkt zu ordnen, daß nicht bleibe nach seinem Tod Ursach zu Zank, Hader oder sonst einem Irrtum unter seinen nachgelassenen Freunden." Das war 1519.

Im Jahre 1998 gibt das lange Hinsterben einer 85jährigen Frau, die nach einem ausgedehnten Hirninfarkt seit Ende des vergangenen Jahres im Koma liegt, Ursach' zu Zank und Hader, der sich bis vor die Richter am Oberlandesgericht Frankfurt zog - und nun an das Amtsgericht zurückverwiesen wurde, wo die Sache neu verhandelt werden muß. Der Mensch kann eben nur "sein zeitlich Gut" ordentlich verschaffen - anordnen, wie es mit ihm selber zu Ende gehen solle, kann er nur begrenzt und kaum so eindeutig; zumal da selbst Testamente über Hab und Gut für genügend Streit und Zweifel sorgen.

Zunächst die Juristerei - und das scheinbar nur pingelige Auslegungsproblem, das zu der aufsehenerregenden Entscheidung des Oberlandesgerichts geführt hat: Ärztliche Eingriffe sind nur zulässig, wenn der Patient ihnen zugestimmt hat. Ist ein Betreuer eingesetzt, hat dieser die Zustimmung zu erteilen. Steht freilich eine gefährliche Operation bevor, muß der Betreuer sich um eine Genehmigung des Vormundschaftsgerichts bemühen.

Nichts da, sagten die Richter der beiden ersten Instanzen. Genehmigt werden kann nach Paragraph 1904 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, der hier einschlägigen Vorschrift, nur die Einleitung einer ärztlichen Maßnahme - nicht aber das Gegenteil, nämlich ihr Abbruch . - Doch, sagten nun die Richter am Oberlandesgericht. Der Paragraph sei auch auf diesen Fall anzuwenden. Ihre Begründung: Wenn schon eine lebensrettend angelegte Operation einer Genehmigung bedarf, um wieviel mehr die Beendigung einer Behandlung. Weil sie genehmigt werden muß - kann sie auch genehmigt werden. (Der Jurist nennt dies den logischen Schluß a fortiori , den Erst-recht-Schluß.) Man könnte aber auch ganz anders argumentieren: Der lebensbeendende Abbruch einer Behandlung ist ohnehin unzulässig - und kann folglich auch nicht genehmigt werden. Der Betreuer kann sich nur für eine Behandlung einsetzen - nicht für ihren Abbruch.

Man sieht also, das logisch scheinbar in sich widersprüchliche Problem verweist auf eine noch unausgesprochene Frage: Soll eine medizinische Behandlung eingeleitet, fortgesetzt oder beendet werden, muß der aufgeklärte Patient zustimmen; ist es überhaupt zulässig, diese Zustimmung des Patienten durch die Entscheidung anderer Personen zu ersetzen? Und zwar dann, wenn der Patient sich selber nicht mehr äußern kann, weil er ohne Bewußtsein oder Ausdrucksfähigkeit daniederliegt. Für diesen Fall aber hat der Bundesgerichtshof bereits im Jahr 1994 eine richtungweisende Entscheidung gefällt. In der extremen Kurzfassung: in engsten Ausnahmefällen vielleicht doch.

Aber zunächst genug der Juristerei - statt dessen ein Blick auf das Grundsatzproblem und seine philosophische und medizinische Entwicklung. Noch vor wenigen Jahrzehnten stellte sich das schwere Problem vergleichsweise einfach dar. In der Darstellung zusätzlich vereinfacht: Der Arzt hat, erstens, menschliches Leben unter allen Umständen zu erhalten - folglich ist jegliche Sterbehilfe, aktiv oder passiv, verboten; allenfalls kann es hingenommen werden, daß eine Schmerzbehandlung im ungewollten Nebeneffekt lebensverkürzend wirkt. Der Mensch und Patient hat, zweitens, sein Leben in guten wie in schlimmen Stunden zu leben - folglich ist auch der Suizid strafbar, daher: Selbst- Mord ; strafbar war demnach auch die Beihilfe zur Selbsttötung. (Heute noch strafbar ist die "Tötung auf Verlangen".)

Die Lage ist heute komplizierter - und zwar wegen zweier Entwicklungen. Zum einen ist die Medizin so weit fortgeschritten, daß - vor allem durch den Einsatz der Technik - Leben auch in Fällen erhalten (oder verlängert werden) kann, in denen die Patienten früher eines schnellen Todes gestorben wären. Zum anderen denken wir heute über die Würde und Selbstbestimmung der Menschen anders, messen wir vor allem der Selbstbestimmung einen höheren Rang zu. Anders ausgedrückt: Die technische Autonomie der Medizin und die rechtliche Autonomie des Menschen führen in immer mehr Grenzfällen des Lebens und des Sterbens zu ethischen Problemen, die früher der Tod alleine gelöst hat. Daß die Entwicklung immer noch im Fluß ist (und wohl kaum je zu einem klaren Abschluß kommen wird), zeigen die aktuellen Urteile ebenso wie die Diskussionen in der Rechtswissenschaft, in der Ärzteschaft, in den Kirchen.