Die Information auf dem abendlichen Zettel ist knapp: 8.30 Uhr wecken, 9.00 Uhr Frühstück, 10.45 Uhr Abfahrt (mit Auto)... Für Jean Marc Vendenberghe und seine Kollegen beginnt der Tag jedoch früher. Die Mechaniker nehmen sich jedes Rennrad noch einmal vor: Kette, Schaltung, Bremsen, Radlauf - alles muß reibungslos funktionieren; danach alle Räder bereitstellen für den langen Tag durch die Pyrenäen, Ersatzräder auf die Begleitfahrzeuge montieren, Werkzeug im Auto verstauen, Verpflegung für die Fahrer, Getränke in Dutzenden von roten Plastikflaschen (jeder braucht 12 bis 15 davon) und später noch die kleinen Rucksäcke, damit Handschuhe, Regen- und Windschutz für die rasend schnellen Abfahrten griffbereit sind.

3880 Kilometer, ein Prolog und 21 Etappen, unterbrochen nur von einem Ruhetag; rund 100 Stunden auf dem Rennrad - die 189 Fahrer in 21 Mannschaften aus mehr als 20 Nationen, begleitet von einem riesigen Troß, haben dabei mehr als 20000 Höhenmeter zu überwinden, an nur zwei Tagen in den Pyrenäen allein mehr als 8000, an zwei Tagen in den Alpen noch einmal fast 9000. Auch so könnte man die Tour beschreiben und vermittelte einen allenfalls blassen Eindruck von diesem längsten, härtesten Radrennen, das, seit 1903 gefahren und nur von den beiden Weltkriegen unterbrochen, dieser Tage seine 85. Auflage erlebt.

Den kleinen Landmaschinenhandel in St.-Marie-de-Campen haben Jean Marc und Walter Godefroot gar nicht gesehen. Der war 1910 schon eine Schmiede; Eugene Christophe, einer der beliebtesten Rennfahrer seiner Zeit, hatte dort eigenhändig seine gebrochene Radgabel geschmiedet (das Reglement verbot fremde Hilfe) und sich danach auf eine schier unmenschliche Verfolgungsjagd über die damaligen Schotterwege der Pyrenäen gemacht. Die Räder hatten noch keine Gangschaltung, erst später wurden auf den beiden Seiten des Hinterrades unterschiedliche "Ritzel" angebracht, so daß man vor den Steigungen das Hinterrad schnell umdrehen konnte. Heute sind die Straßen geteert, die Räder wiegen statt der damals über zwanzig nur noch rund zehn Kilogramm und haben ausgefeilte Schaltungen.

Die Tour ist professioneller geworden, auch viel kommerzieller - dem Sport und seiner Faszination hat das bisher nicht geschadet. Früher konnten Einzelkämpfer eine ganze Tour für sich entscheiden, heute ist der Gesamtsieg, ist der Star nur mit starker und eingespielter Mannschaft möglich.

An diesem Tag hatte alles ineinandergegriffen. Jan Ullrich war trotz Regen und Kälte ins Gelbe Trikot gefahren, von der Mannschaft unterstützt wie von einer gut geölten Maschinerie. Arzt und Masseure hatten kleine Wehwehchen und die Folgen von Stürzen gut versorgt. Nach der klassischen Etappe ging man den zweiten Tag in den Pyrenäen optimistisch an. Man kontrollierte das Feld, Ausreißer ohne Bedeutung für das Gesamtklassement durften ziehen - Partner auf Zeit, deren gemeinsames Interesse gegenüber dem Hauptfeld mit jedem Kilometer schwindet, den sich eine solche Gruppe dem Ziel, dem Sprint, dem Kampf um den Tagessieg nähert. Es schien alles ruhig - bis Jan Ullrich der Hinterreifen platzte, ausgerechnet am Beginn des Anstiegs zum letzten Berg mit der Zielankunft auf dem Plateau de Beille in 1747 Meter Höhe.

In solcher Situation reißt der Komment, die Konkurrenten greifen an, suchen ihren Vorteil. Große Hektik, ein schneller Radwechsel, Ullrich fährt weiter, begleitet und in kraftsparenden Windschatten genommen von fast allen Fahrern seiner Mannschaft. So massive Hilfsbereitschaft spricht für manches - auch für Hektik. Für Professionalität weniger, denn hätten zwei Kollegen das maillot jaune wieder ans Feld herangeführt, dort in der notwendigen Hilfe von anderen abgelöst, bis Ullrich wieder an der Spitze war, hätte die Aufholjagd etwas kräfteschonender sein können.

In diesem Jahr ist Alpe d'Huez kein Etappenziel, die Alpenetappen aber sind mit dem Col de la Madeleine (2000 Meter) und dem Galibier (2645) eine harte Prüfung, Ergebnis offen. Hier in den Bergen haben sich einst Poulidor und Anquetil, Merckx und Altig, Coppi und Bartali, später Indurain und LeMond mit Chiapucci, dann Ullrich mit Virenque oder Pantani harte Kämpfe geliefert. Was im Zeitfahren der Kampf gegen die Uhr ist, über die eigenen Grenzen hinaus, das ist in den Bergen der direkte Zweikampf, physisch und psychisch. Ein LeMond zog hier an, grinste in Richtung Chiapucci, verlangsamte den Tritt, um sofort wieder und ganz abrupt zu beschleunigen, er ribbelte seinen Konkurrenten geradezu auf. Indurain malte mit einer Hand imaginäre Kringel, die roten Punkte des Trikots des Bergbesten andeutend, auf das Trikot von Toni Rominger, der einen Angriff angekündigt hatte. Und Ullrich zog 1997 erst einen kleinen Schokoriegel in sich hinein, bei rund 10 Prozent Steigung und Tempo 25, saugte den Riegel förmlich auf und ließ dann seine ganze Konkurrenz, Virenque und Pantani stehen.