Nachdem nun der Stadt Berlin, dem designierten Regierungssitz, immer wieder mit Kamera und Kommentaren ins Zentrum geleuchtet wurde - denn man fürchtet, daß alles zu großmachtmäßig geraten könne, zu protzig oder zu preußisch -, ist's jetzt an der Zeit, sich um die Peripherie zu kümmern. Berlin ist riesig, die Mitte eher klein, unfertig, umstritten - was ist mit dem Rest? Bloß Häuser und Verwaltungsbezirke? Nicht auch Milieus, Menschen und Schicksale? Aber klar doch. Bevor die Regierung kommt und das Interesse an Berlin sich auf die hohe Politik konzentriert, soll noch mal schnell gezeigt werden, wie die Leute da leben und fühlen, die kleinen Leute, die Eingeborenen, die Zugewanderten. Nach der 1001. Sendung über den Potsdamer Platz, die illustren Architekten und ihre Auftraggeber, sind jetzt die Bauarbeiter dran.

Der Sender 3sat hat mit "Momentaufnahme Berlin" ein Special, bestehend aus drei Filmen von Nachwuchsregisseuren, eingerichtet: Am 24.7. war "Plus-minus null" des Iren Eoin Moore zu sehen, die wahre Geschichte des erfundenen Bauarbeiters Alex, dem weder im Job noch in der Liebe recht was glücken will und der dennoch unverzagt die Bohrmaschinen und die Herzen stiehlt. Ein bezaubernder Film, der mal wieder zeigt, daß Aufwand und Starwesen auch stören können und daß es Stoffe gibt, die viel Improvisation, eine Videokamera und unbekannte Darsteller verlangen, um in ihre Form zu finden. Die Dokumentation "Non-Stop" des Isländers Ölafur Sveinsson (31.7.) rollt Berlin von einer Tankstelle her auf: Dieser kleine intakte Soziotop mit Betreiber, Stammkunden, Nachbarn umfaßt, wer hätte das gedacht, ganz wie die große Welt seine Normalos, seine Extremisten und sogar seine Transsexuellen. Mit zärtlicher Einfühlung portraitiert Sveinsson diese Berliner vom Rand: den Taxifahrer Werner, der nach so vielen Jahren auf dem Bock doch Haltungsschäden weg hat; die Frau, die mal ein Mann war und gar nichts von Ausländern hält; die portugiesischen Bauarbeiter, die mehr in ihrer Heimat zurückgelassen haben, als sie verkraften. "Ja", sagt Werner, "man hat ein bewegtes Leben."