Am 29. Oktober 1997, 12.23 Uhr startet Rainer Ehrig ein denkwürdiges kleines Experiment: Der Mitarbeiter des Kontrollzentrums der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) stellt Turbine drei des Wasserkraftwerks Geesthacht unvermittelt von null auf volle Leistung. In Sekunden flutet Wasser auf die Turbinenschaufeln, ab 12.24 Uhr schickt der angeschlossene Generator etwa eine Minute lang zusätzliche vierzig Millionen Watt elektrische Leistung in das Hamburger Netz.

Und nichts passiert. Keine Sicherung brennt durch, keine Glühbirne flackert. Knapp 700 Kilowattstunden Strom sind scheinbar spurlos im Netz verschwunden. Nicht ganz: Tausende Elektromotoren in Haushalts- und Industriemaschinen drehten während dieser Minute unmerklich schneller. Aber kein Kraftwerk hat deswegen seine Feuerung gedrosselt, kein Gramm Kohle wurde gespart. Derselbe Strom, aus einer Bö via Windmühle ins elektrische Netz geweht, hätte den gleichen Effekt.

Auch dies ist Unsinn. Der Einspareffekt an CO2-Emissionen liegt im schlechtesten Fall bei Null. Und nur im theoretischen Bestfall kann die eingespeiste elektrische Leistung aus Sonne und Wind nuklearen oder fossilen Brennstoff hundertprozentig ersetzen.

Die großen Energiekonzerne profitieren von der Ahnungslosigkeit der Politiker - denn die Zeit für eine ernsthafte Energiewende läuft ab. Der verschärfte Wettbewerb auf dem Strommarkt fördert die Nutzung billiger fossiler oder nuklearer Quellen und drängt die teure Wind- und Solarenergie ins Abseits.

Tatsächlich sind die Produktion und das Geschäft mit Elektrizität schnellebig und überaus kompliziert. Eine Grundregel: Die Kraftwerker versuchen, immer nur genau jene Menge Strom ins Netz zu speisen, welche die Konsumenten aktuell abfragen, die sogenannte Last. Eine Über- oder Unterproduktion führt schlimmstenfalls zum Stromausfall. Eine möglichst exakte Vorhersage des jeweiligen Stromkonsums ist daher für Energieversorger besonders wichtig. Ganze Arbeitsstäbe errechnen stets neue Bedarfsprognosen. Dank jahrelanger Erfahrung kennen die Planer den Stromhunger ihrer Kunden recht genau. So werden etwa die Halbzeiten von Fußball-Länderspielen berücksichtigt, da in diesen berüchtigten Pinkelpausen der Strombedarf blitzartig um fünf bis zehn Prozent in die Höhe schnellen kann.

Kleinere Abweichungen von der Prognose gleichen die Versorgungsplaner relativ problemlos aus. Hilfreich ist hierbei, daß der Strom in mehreren Schritten erzeugt wird, sei dies aus Kohle, Gas, Öl oder Atomkraft. Deren Feuer verwandelt Wasser in Dampf. Der wiederum treibt Turbinen an, diese einen Generator, und erst dort entsteht jene elektrische Energie, welche die Kunden aus der Steckdose zapfen.

Die Kraftwerker verfeuern wegen des Windes zuviel Kohle