Bislang gibt es nicht viel mehr als eine Art Diskussionspapier, und auch daraus wird ein großes Geheimnis gemacht. Klar ist aber eines: Die Bundesregierung wendet sich auf ihre alten Tage noch einmal einem ziemlich heiklen Thema zu, dem sogenannten Kombilohn. Heikel ist das Ganze, weil sich dahinter eine lange Reihe schwieriger Fragen verbirgt: Wie kann den Langzeitarbeitslosen geholfen werden, die kaum noch Hoffnung auf einen Job haben? Ist es möglich, in einem echten Niedriglohnsektor neue Arbeitsplätze zu schaffen - und zugleich den Betroffenen ein Auskommen zu sichern? Wie können Langzeitarbeitslose bewegt werden, solche schlechtbezahlten Stellen anzunehmen? Und kann all das gelingen, ohne neuen Mißbrauch zu provozieren - und ohne das gesamte Lohngefüge ins Rutschen zu bringen?

Nicht, daß die Experten der beteiligten Bundesministerien - Arbeit, Gesundheit, Wirtschaft und Finanzen - schon Antworten hätten auf diese Fragen. Noch beschreibt ihr schmales Papier die Probleme eher, als daß es Lösungen anbietet. Und allzuviel Zeit bleibt nicht, denn bereits in der zweiten Augustwoche wollen Norbert Blüm und Horst Seehofer, die Chefs vom Arbeits- und vom Gesundheitsressort, ihre Vorstellungen der Öffentlichkeit präsentieren. Bis dahin, ahnt einer aus dem Hause Blüm, "wird es noch viel Streit" zwischen den beteiligten Ministerien geben.

Aus dem Papier wird aber bereits deutlich, daß die Bundesregierung völlig neue Wege in der Arbeitsmarktpolitik gehen will. Bislang konzentriert sich die Hilfe für Langzeitarbeitslose zumeist darauf, jenen Unternehmen Lohnkostenzuschüsse zu zahlen, die einen aus der Problemgruppe einstellen.

Der Staat beteiligt sich also an den Arbeitskosten, das Lohngefüge selbst aber bleibt prinzipiell unangetastet.

Im neuen Modell sollen die Unternehmen ermuntert werden, zusätzliche, wenig produktive Billigjobs zu schaffen. Es soll also ein neuer Niedriglohnsektor entstehen, dessen Grenzen noch zu definieren sind. Zuschüsse für die Firmen gibt es nicht - dafür greift der Staat den künftigen Billigarbeitern direkt unter die Arme.

Auf 73 bis 77 Prozent des letzten Nettolohns, so haben es sich die Experten ausgedacht, soll das schmale Einkommen aufgestockt werden, und zwar aus den Töpfen der Bundesanstalt für Arbeit. Das Modell wendet sich an die Bezieher von Arbeitslosenhilfe, Menschen also, die mindestens ein Jahr ohne Job sind, und für die könnte sich die Sache durchaus lohnen. Denn sie erhalten derzeit nicht mehr als 53 Prozent oder, wenn sie mindestens ein Kind haben, 57 Prozent des letzten Nettogehalts. Das Zubrot soll auf zwei Jahre begrenzt werden, es dient als Motivationshilfe, damit die neuen Billigjobs auch angenommen werden. Denn nicht zuletzt dies hat den vielbeschworenen Niedriglohnsektor bislang gar nicht erst entstehen lassen: Wer nimmt schon einen miesen Job an, wenn er dafür noch weniger Geld bekommt als vom Arbeitsamt? Ganz freiwillig wird die Sache aber auch künftig nicht sein: Wer auf das neue Angebot nicht eingeht, dem soll vermutlich die Arbeitslosenhilfe eine Zeitlang verwehrt werden. Und ganz trauen auch die Urheber ihrem Modell nicht: Das geplante Gesetz soll zunächst nur eine Laufzeit von vier Jahren haben.

Das ist wohl auch gut so. Denn so verdienstvoll es sein mag, daß sich die Fachleute nun endlich der Tabuthemen Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglöhne annehmen, ihr Modell birgt allerlei Fallstricke - und das nicht nur für Ökonomen wie Horst Siebert, den gestrengen Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, für den jede Lohnsubvention ein Verstoß gegen den Markt und damit ein Graus ist. Auch eher pragmatische Arbeitsmarktpolitiker sehen sich mit gewichtigen Problemen konfrontiert: Was ist überhaupt ein förderungswürdiger Niedriglohnsektor? Bislang hält sich der Staat aus der Lohnfindung weitgehend heraus, Tarifverträge, Einzelabsprachen und ersatzweise die vage Meßgröße der "ortsüblichen Löhne" regeln die Bezahlung, eine faktische Untergrenze gibt es nicht. Wichtiger noch: Wie können die berüchtigten Mitnahmeeffekte verhindert werden? Gemeint ist das Phänomen, daß Arbeitsplätze, die ohnehin entstanden wären, kurzerhand in den neuen Niedriglohnsektor verschoben und fortan vom Staat alimentiert werden.